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Kindheitsmuster im Moskauer Exil

Отзыв на работы Шелике Вальтраут Фрицевны. Материал взят из резервной копии сайта wtschaelike.ru. Дата последнего изменения 12.01.2011.


Es gibt weder große Entwicklungen noch wahre Fortschritte auf dieser Erde, solange noch ein unglückliches Kind auf ihr lebt. - Albert Einstein

Kaufen, was einem die Kartelle vorwerfen; lesen, was einem die Zensoren erlauben; glauben, was einem die Kirche und Partei gebieten. Beinkleider werden zur Zeit mittelweit getragen. Freiheit gar nicht. - Kurt Tucholsky

Zweiwochenschrift

Kindheitsmuster im Moskauer Exil

1931, da war sie vier Jahre alt, zogen ihre kommunistischen Eltern mit ihr von Berlin nach Moskau. Sie wohnten im Hotel »Lux«. Das Kind hatte eine russische »Gruscha«, dann ging es in eine deutsche Schule, nach deren Schließung (wegen der Verhaftung vieler Lehrer) in eine russische. Als der Krieg begann, war sie plötzlich eine »Deutsche«, doch sie bewies im Internat und Komsomol, daß sie für den Sieg der Roten Armee fieberte. Kindheit also unter ungewöhnlichen Umständen, zusätzlich kompliziert geworden durch heutiges Wissen über die damalige Zeit der Verhaftungen, des Mißtrauens und der Ängste. Wie schreibt man darüber nach einem erfüllten Leben in der Sowjetunion, dem Land, für das sich die Autorin nach Kriegsende bewußt entschieden hatte?

Waltraut Schälicke stützt sich vor allem auf die aufbewahrten Briefe, die sie als Heranwachsende mit den Eltern und einer Moskauer Schulfreundin gewechselt hat. Das ist eine Mischung von Pubertätsgeheimnissen und -problemen, sozialistischen Glaubensbekenntnissen und Alltagsdetails. Besonders letztere machen das Buch interessant. Noch nie habe ich so anschaulich erfahren, wie man sich um Essen und Kleidung kümmern mußte oder wie ein Schultag verlief. Und da leuchtet viel Normales im Ungewöhnlichen auf: Elternliebe und gelegentlich Mißverständnisse, Schulsorgen und Ferienfreuden. Im Krieg hungerte man oft und fror, aber der Glaube an den Sieg und die Überlegenheit der »Unseren« gab ungeheure Kraft.

Detailreich und authentisch entsteht ein bisher unbekanntes Bild damaligen Lebens und Denkens der Menschen ihrer Umgebung. Aus heutiger Sicht altersweise darüber nachzudenken, versagt sich

Waltraut Schälicke zumeist, obwohl sie — wie sie schreibt — schon in ihrer Studentenzeit das Sowjetsystem kritisch zu sehen begann. Derartige Widersprüche färben ein Buch, und der Leser muß selbst entscheiden: Ist es dadurch besonders interessant, oder fehlt ihm eine wesentliche Dimension?

Christel Berger

Schälicke: »Ich wollte keine Deutsche sein«, aus dem Russischen übersetzt von Karl Harms, Frank Preiß und Ruth Stoljarowa, Karl Dietz Verlag Berlin, 343 Seiten, 24.90 €