Die menschlichen Verhältnisse zur Welt – der Ausgangspunkt der marxistischen Geschichtstheorie
Шелике Вальтраут Фрицевна. Материал взят из резервной копии сайта wtschaelike.ru. Дата последнего изменения 27.11.2007.
Nach dem oben Gesagten geht es jetzt darum, in den Arbeiten von Marx und Engels den Ausgangspunkt der materialistischen Geschichtstheorie zu finden.
Zunächst mag die Vielzahl der Möglichkeiten und Vorschläge, die dem aufgeklärten Leser dabei sofort in den Sinn kommt, verwirren. Zumal wir bei Marx und Engels in den Arbeiten jener Periode, in der sie ihre erste große Entdeckung machten, keinen eindeutigen Hinweis darauf finden. In der „Deutschen Ideologie“ gibt es einige Varianten für die methodologischen Voraussetzungen der Geschichtstheorie. Daraus erklären sich auch die unterschiedlichsten Herangehensweisen bei der Wiedergabe der Marxschen Geschichtstheorie.
Aus allen in Betracht kommenden Definitionen des Ausgangspunktes der materialistischen Geschichtstheorie kann, auf dem abstraktesten Verallgemeinerungsniveau, m.E. die Kategorie „Menschliche Verhältnisse zur Welt“ — von Marx und Engels 1844-46 umfassend erarbeitet — verwendet werden.
Die Verhältnisse der Menschen zur Welt sind die Ausgangsbedingungen für eine Gestaltung der Geschichte, denn ohne Verhältnisse zwischen Menschheit und Welt kann es überhaupt keine Geschichte geben. Die menschlichen Verhältnisse zur Welt sind die Voraussetzung und das wirkliche Resultat der Menschheitsgeschichte. Sie existieren seit dem Beginn der Geschichte und werden sich so lange fortsetzen, so lange die Welt und die Menschheit existieren.
Der Begriff Welt ist derart alltäglich und so geläufig, dass er uns auf Schritt und Tritt begegnet. Auch aus dem Alltagsbewusstsein ist er nicht mehr fortzudenken. Wir treffen ihn, wenn wir uns beispielsweise über die großen und kleinen Dummheiten dieser Welt erregen und spontan ausrufen „Diese Welt muss anders werden!“
Als Anfangspunkt der Theorie können somit die menschlichen Verhältnisse zur Welt als Selbstverständlichkeit postuliert werden, die keines besonderen Beweises bedürfen. Doch mit ihrem inneren Reichtum war Marx bestens vertraut. Ich erinnere daran, dass Marx zu dieser Zeit — 1844-1846 - bereits Wesentliches erkannt hatte: Die Rolle der Arbeit in der Geschichte der Menschheit und ihren entfremdeten Charakter, das Wesen des Privateigentums, die Produktion, Verkehr und Gesellschaft, die Wechselwirkung zwischen bürgerlicher Gesellschaft und Staat... Marx weiß um das Entstehen des gesellschaftlichen Bewusstseins. Er erkennt den Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit und die unmenschliche Art und Weise des Zusammenlebens der Menschen im Kapitalismus. Für ihn ist der Kommunismus eine Befreiung (Emanzipation) der gesamten Menschheit von den entmenschten Lebensverhältnissen. Heute wissen wir noch wesentlich mehr über die Verhältnisse der Menschen zur Welt, nicht zuletzt auf Grund der Entwicklung von Wissensgebieten, die es im 19. Jahrhundert noch nicht gab. Außerdem unterscheiden sich die Gegebenheiten des 21. Jahrhunderts kolossal von denen, die Marx seinerzeit antraf. Es genügt, daran zu erinnern, dass im 19. Jahrhundert kein einziger Krieg die Existenz der Menschheit in Frage stellen konnte. Heute gibt es genügend Mittel und Methoden, um die gesamte Menschheit zu vernichten. Die menschlichen Verhältnisse zur Welt beinhalten heute ein solches Gemenge sich auftürmender globaler Probleme, dass eine Verzögerung ihrer Lösung tatsächlich zur Selbstvernichtung der Menschheit führen kann. Dann kann es geschehen, dass keiner mehr da ist, um „Geschichte zu machen“. Diese „Verhältnisse“ sind derart aktuell, wie es noch nie in der Geschichte der Fall war. Wir erleben sie in einer weit fortgeschrittenen Entwicklungsphase, die mit dem 19. Jahrhundert nicht mehr vergleichbar ist. Das ist eine Voraussetzung, sie zu begreifen und zu verstehen, ob und welche Möglichkeiten es gibt, diese Verhältnisse zu verändern. Diese Frage stellen sich heute Millionen von Menschen auf dieser Welt. Folglich kann man davon ausgehen, dass die menschlichen Verhältnisse zur Welt den Gesamtgegenstand der Forschung, also die Geschichte der Menschheit, auf dem abstraktesten Niveau in seiner Komplexität erfassen. Somit ist die Forderung an den methodologischen Ausgangspunkt der Theorie erfüllt, die den Anspruch auf Ganzheitlichkeit erhebt.
Die Ausgangsdefinition „Welt“
Das weitere Definieren der menschlichen Verhältnisse zur Welt vollzieht sich vermittels des „Findens“ zweier allgemeiner Seiten der Welt, was zunächst durch eine Zweiteilung der Welt geschieht. In dieser Zergliederung stellt sich die Welt als die natürliche Welt und als die Menschenwelt dar. (1) Somit ist dann die eine Seite menschlicher Verhältnisse zur Welt das Verhalten der Menschen zur Natur, die andere Seite ist das Verhalten der Menschen zu Menschen. (2) Den nächsten Analyseschritt stellt die Bestimmung des Verhaltens beider Seiten zueinander dar, was als Wechselwirkung beider sich gegenseitig bedingender Seiten herausgearbeitet wird. Das Verhältnis der Menschen zur Natur bestimmt das Verhältnis der Menschen zum Menschen und umgekehrt, d.h., das Verhältnis zwischen den Menschen bestimmt ihr Verhältnis zur Natur. (3) Dabei findet jede Generation „ein historisch geschaffenes Verhältnis zur Natur und der Individuen zueinander...die jeder Generation von ihrer Vorgängerin überliefert wird..." (4), so dass diese Verhältnisse sich als historische Erscheinungen darstellen. Die vormarxsche Philosophie hat das Verhältnis der Menschen zur Natur aus ihren gedanklichen Konstruktionen überwiegend ausgeklammert, so dass die Geschichte außerhalb der Welt und über ihr als etwas „Extra-Überweltliche(s) erscheint". (5)
Bei der Bestimmung dieser zwei Seiten der menschlichen Verhältnisse zur Welt analysieren Marx und Engels in der „Deutschen Ideologie" jede der Seiten für sich. Sie benennen die jeder Seite innewohnenden Widersprüche: das sind die Widersprüche zwischen den Menschen und der Natur und die Widersprüche zwischen Menschen und Menschen. Diese Widersprüche verfolgen Marx und Engels in allgemeinster Form bei der Definierung der allgemeinen Stufen der Geschichte.
Ursprünglich herrschte die Natur in einem solchen Maß über die Menschen, dass diese nur vermittels der Schaffung von Verhältnissen ihres Zusammenwirkens im
Kampf mit den Naturgewalten überhaupt überleben konnten. Diese Periode bezeichnen Marx und Engels als „Barbarei“. In dem Maße, in dem sich die Tätigkeit der Menschen gegenüber der sie umgebenden Natur historisch weiterentwickelte, entzog sich die Menschheit nach und nach der alles dominierenden Herrschaft der Natur. Mit der Befreiung von der völligen Herrschaft der Natur über den Menschen errichten die Menschen nunmehr die Herrschaft der Menschen über die Menschen. Ihr Zusammenwirken wandelt sich ins Gegenteil, in ein Gegeneinanderwirken. Diese Verhältnisse kennzeichnen die Periode der „Zivilisation“ (Sklaverei, Feudalismus, Kapitalismus).Die unmenschlichen Verhältnisse zwischen den Menschen bestimmen ihre unmenschlichen Verhältnisse zur Natur. Das Entmenschte als Gegenpol des Menschlichen wird so zum Hauptwiderspruch der Zivilisation.
Als direkte Schlussfolgerung der materialistischen Betrachtung der Geschichte ergibt sich die von Marx und Engels, auf diesem höchst abstrakten Niveau, formulierte Ausgangsbegründung eines notwendigen Übergangs der Menschheit zu einer anderen Entwicklungsstufe, zur menschlichen Gesellschaft, zum Kommunismus, der die „wahrhafte Auflösung des Widerstreites zwischen dem Menschen mit der Natur und mit dem Menschen"... ist. (6) Der Kommunismus ist für Marx und Engels jene Stufe der Menschheitsgeschichte, die an die Stelle der Zivilisationsperiode (Sklaverei, Feudalismus, Kapitalismus) tritt, indem sie deren ihr innewohnenden Grundwidersprüche auflöst.
Ausgehend von dieser höchst abstrakten, verallgemeinerten Definition des Kommunismus folgt, dass der erste Versuch des Aufbaus des Sozialismus, der mit der Oktoberrevolution begann, in Wirklichkeit niemals Kommunismus war, wie das bisweilen behauptet wird, und aus der Entwicklungsstufe Zivilisation keineswegs „herausfällt“. Die nach dem Sieg der Oktoberrevolution geschaffene Gesellschaft löste die globalen Widersprüche zwischen Mensch und Natur nicht, da sie die Vernichtung der Natur aktiv fortsetzte. Sie löste auch nicht die globalen Probleme der Verhältnisse der Menschen zueinander. Die Menschen fuhren fort, einander zu vernichten. Jossif Stalin meinte einmal: „Alle Wege führen zum Kommunismus“. Die Praxis zeigte aber: Nein, bei weitem nicht alle! Einige führten unter scheinbar kommunistischen Losungen zu totalitären Zuständen und ins GULAG.
Es gab bisher nirgends Kommunismus auf dieser Welt und heute wird es immer augenscheinlicher, dass die Menschheit sich immer noch mit den Widersprüchen zwischen Mensch und Natur und denen zwischen den Menschen herumplagt. Sie versinkt förmlich in einem Meer ungelöster globaler Probleme.
Die Revolutionen des 20. Jahrhunderts haben die globalen Probleme der Menschheit nicht entwirrt. Sie harren nach wie vor ihrer „Befreiung“, auch wenn man heute in der herrschenden Ideologie und im Massenbewusstsein die Notwendigkeit des Überganges zu einer neuen Entwicklungsstufe der Geschichte der Menschheit nicht als Bewegung zum Kommunismus bezeichnet.
Die Ausgangsdefinition „Mensch“
Die Welt ist gespalten und voll von Wiedersprüchen. Vielfältig gespalten ist auch der Mensch. Marx und Engels betrachteten beim Menschen, wie auch bei der Welt, zwei allgemeine Ausgangsseiten.
In den „Ökonomisch-philosophischen Manuskripten aus dem Jahre 1844“ bezeichnete Marx den Menschen als ein natürliches und gesellschaftliches Wesen. Der Mensch ist sowohl Bestandteil der Natur als auch der Gesellschaft. Der Mensch ist Natur (7) und der Mensch ist Gesellschaft. Marx bemerkte dazu: „…wie die Gesellschaft den Menschen als Menschen produziert, so ist sie durch ihn produziert.“ (8) Außerhalb der Natur und außerhalb der Gesellschaft gibt es im gesamten Verlauf der Geschichte keinen Menschen (keine Menschheit). Zwischen der natürlichen und der gesellschaftlichen Seiten der Menschen existieren Widersprüche, die zeitweilig eine solche Stärke erreichen, dass sie die Existenz des Menschen (der Menschheit) bedrohen. Ein deutliches Beispiel für eine solche Art von Widersprüchen zwischen dem Menschlichen und dem Natürlichen im Menschen sind die Kriege, die den Menschen zwingen, seine natürliche Todesangst in eigenem, fremdem oder gesellschaftlichem Interesse zu überwinden. Kriege machen das Leben des Menschen unmenschlich. In der Gegenwart versucht die Menschheit bereits, Kriege aus ihrem Leben unbedingt auszuschließen. Das ist ihr aber nicht gelungen. Es kommt immer wieder zu Kriegen. Auch in der Periode des sogenannten realen Sozialismus — oder, wie bereits gesagt, des „mutierten Sozialismus“ (A.V. Buzgalin) — wurde ein solcher Anspruch nicht eingelöst. Von welcher Harmonie des Natürlichen und Gesellschaftlichen im Wesen des Menschen kann die Rede sein, wenn sich die Sowjetunion nicht aus Kriegen heraushalten konnte? Dabei ist die Aufhebung solcher Art Widersprüche zwischen den natürlichen und gesellschaftlichen Seiten des Menschen eine der Aufgaben des Kommunismus. Zu den heutigen globalen Problemen der Menschheit gehört auch der Widerspruch zwischen dem Hungertod von Millionen Menschen, während in den „reichen Ländern“ die Menschen zunehmend an Krankheiten leiden, die infolge zu reichhaltiger Nahrungsaufnahme epidemische Dimensionen erreichen. Sowohl der Tot aus Mangel an Nahrung als auch der Tot aus deren Überfluss sind gesellschaftlich bedingt. Alle Versuche, diese erschütternde Diskrepanz zu lösen, sind bisher gescheitert. Auch im „realen Sozialismus" kam es in einigen Ländern zum ständigen Mangel an lebenswichtigen Nahrungsmitteln, ohne die der Mensch als natürliches Wesen nicht existieren kann. Und das soll Kommunismus gewesen sein? Außerdem gab es im „realen Sozialismus" vielfältige äußere und innere Bedingungen, die jene Verkehrsfreiheit einschränkten, die für den Mensch als gesellschaftliches Wesen so unabdingbar ist. Diese Aufzählung ließe sich zweifelsohne noch weiter fortsetzen. Das 70 Jahre lang existierende sowjetische System war keine kommunistische Gesellschaftsordnung. Deshalb geht der heutige, auf das ehemalige Sowjetrussland zielende Antikommunismus, fehl.
Marx und Engels bemerkten, dass der Mensch nicht nur als Ganzes, als natürliches und gesellschaftliches Wesen, zwei gesellschaftliche und natürliche „Seiten“ hat. Auch seine Organe, mit deren Hilfe er die Welt erfasst, sind „gespalten“. So können z.B. die Augen des Individuums von Natur aus kurzsichtig sein, und diese Eigenschaft bestimmt die Grenzen der optischen Wahrnehmung der Schönheiten der Welt oder macht es ihm auch nur unmöglich, ein Auto zu führen. Doch damit nicht genug. Der Mensch des Mittelalters war nicht einmal in der Lage, die Schönheit der nackten Venus von Milet wahrzunehmen. Auf Grund der herrschenden ästhetischen Stereotype der mittelalterlichen Gesellschaft musste die Statue dazu einen Umhang oder ein Feigenblatt tragen.
Die Sinnesorgane, mit deren Hilfe der Mensch die Welt wahrnimmt, sind dabei doppelt zweiseitig. Sie sind gleichzeitig sowohl individuell als auch gesellschaftlich. (9) Die individuellen und gesellschaftlichen Sinnesorgane des Menschen zeigen sich im Weiteren auf einer neuen Verallgemeinerungsstufe in Form individueller und gesellschaftlicher Arbeitsinstrumente, individueller und gesellschaftlicher Kommunikationsmittel usw. Auch das individuelle (private) und gesellschaftliche (kollektive) Eigentum sind Definitionen, die auf den Ausgangsseiten der Menschen „aufgebaut“ sind. Im Entwicklungsprozess der gesellschaftlichen Aspekte und Elemente der Verhältnisse zur Welt entwickeln sich auch die individuellen Organe des Menschen. Durch die Entwicklung der Gesellschaft entwickelt sich auch das Individuum und über die Entwicklung des Individuums entwickelt sich die Gesellschaft. Dieser Zusammenhang zwischen Individuen und Gesellschaft kennzeichnet das soziale Leben der Menschen. Daraus zog Marx eine beachtenswerte Schlussfolgerung. Er meint, dass „die soziale Geschichte der Menschen...stets nur die Geschichte ihrer individuellen Entwicklung ist, ob sie sich dessen bewusst sind oder nicht.“ (10) Der Einzelne tritt als Subjekt menschlicher Verhältnisse zur Welt in Erscheinung, ebenso wie die Gemeinschaft der Menschen, die als Gesellschaft organisiert ist.
Die Wechselwirkung zwischen dem Individuum und der Gesellschaft, die eine gegenseitige Stimulierung ergeben sollte, war im mutierten Sozialismus faktisch auf den Kopf gestellt. Es wurde das Primat der gesellschaftlichen Interessen vor den individuellen postuliert. Die Gesellschaft (in Gestalt des Staates) stand über dem Individuum. Ein solches Verhältnis ist — nach Marx und Engels — eben nur für die Periode der „Zivilisation“ (Sklavenhaltergesellschaft, Feudalismus und Kapitalismus) charakteristisch und widerspricht dem Kommunismus. Der Kommunismus setzt eine harmonische Entwicklung des Individuums (eines jeden) und der Gesellschaft (aller) voraus. Das heißt, er baut sich auf solchen menschlichen sozialen Verhältnissen auf, bei denen die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist. Eine solche Wechselwirkung gab es im mutierten Sozialismus nicht, und von einer kommunistischen Gesellschaft kann somit wieder keinesfalls die Rede sein.
Die ideellen und materiellen Verhältnisse der Menschen zur Welt
Wie oben bereits gesagt, unterscheiden sich die menschlichen Verhältnisse zur Welt, nach Marx und Engels, von denen der Tiere dadurch, dass der Mensch die Existenz dieser Verhältnisse begreift, während das Tier in dieser Hinsicht „bewusstlos“ ist. Die Vorstellungen der Menschen von der Welt, ihre Ideen, Theorien über diese, schöpfen die Menschen, wie Marx und Engels bemerkten, aus ihren eigenen Verhältnissen zu ihr. Im Bewusstsein der Menschen, welches in der Gesellschaft die Form von Moral, Recht, Religion, Politik usw. annimmt, „transformieren“ sie ihre wirklichen Verhältnisse in Begriffe, d.h. in gedankliche, abstrakte Vorstellungen über konkrete Verhältnisse. (11) Die in Begriffen widergespiegelte Welt zeigt sich in der ideellen Gestalt des menschlichen Bewusstseins. Mit dieser ideellen Welt, die sich die Menschen geschaffen haben, entwickeln sie wiederum bestimmte Verhältnisse. Diese treten uns als ideelle (auf Ideen beruhende) menschliche Verhältnisse gegenüber und existieren real als Formen des Bewusstseins. Da die Welt der Natur und die Welt des Menschen unabhängig vom Erkenntnisstand oder dem Vorhandensein eines Begriffsapparates existieren, weil die Welt außerhalb und unabhängig vom Bewusstsein vorhanden ist, betonten Marx und Engels die Materialität der Welt, die Materialität sowohl der Welt der Natur als auch der Welt des Menschen.
Somit verhalten sich die Menschen in ihren Verhältnissen zur Welt auch noch auf zweierlei Art: a. ideell (entsprechend ihren Ideen, Vorstellungen, Irrtümern, Mythen, Theorien usw.), indem sie sich ein Weltbild vermittels ihrer Begriffe aufbauen; b. materiell, durch ihre Wechselwirkung mit der Welt, unabhängig davon, inwieweit diese Welt wirklich erkannt worden ist, inwieweit sie sich im Bewusstsein der Menschen widerspiegelt und inwieweit sich die Vorstellungen der Menschen von der Welt von deren wahren Wesen unterscheiden.
Am Anfang der Menschheitsgeschichte waren die ideellen Beziehungen (das Bewusstsein) noch eingeflochten in die materielle Tätigkeit. Der Mensch tat das „Seine“, verhielt sich, ohne groß darüber nachzudenken. In dem Maße, wie sich eine Aufspaltung der ideellen und materiellen Tätigkeit der Menschen in verschiedene „Zweige“ menschlicher Verhältnisse zur Welt abzeichnete, und dabei verschiedene Menschen in den Zweigen tätig wurden, wuchsen — nach Marx und Engels - die Vorstellungen der Menschen über die tatsächliche, zweigeteilte materielle und ideelle Welt. Dementsprechend teilte sich im Bewusstsein der Menschen das menschliche Leben in jenes im Diesseits (auf Erden) und das im Jenseits (im Himmel).
Es entwickeln sich jedoch auch noch die Vorstellungen der Menschen über die Rolle der Ideen als Triebkraft der Geschichte. Und schon scheint es, dass es ausreicht, die schlechten Ideen gegen gute auszutauschen, die bösen gegen gutartige, die teuflischen gegen göttliche um „das Himmelreich auf Erden“ zu errichten. Man muss scheinbar nur den richtigen Ideen und ihren Propheten folgen, und man erhält endlich das erwünschte Resultat. Die Geschichte kennt unzählige Beispiele solcher „Retter der Menschheit“. Sie berichtet vom tragischen Scheitern der „Heilsprediger“ und deren Anhänger. Es zeigt sich in der Geschichte wieder und wieder eine bestimmte Kluft zwischen den von Menschen bewusst aufgestellten Zielen (dem Bewusstsein) und dem Ergebnis ihrer Tätigkeit, dem wirklichen, materiellen Prozess ihres Lebens (dem Sein). Engels schrieb dazu: „Die Menschen machen ihre Geschichte, wie diese auch immer ausfalle, indem jeder seine eigenen, bewusst gewollten Zwecke verfolgt, und die Resultate dieser vielen in verschiedenen Richtungen agierenden Willen und ihrer mannigfachen Einwirkung auf die Außenwelt ist eben die Geschichte." (12) Dabei zeigt sich: „Die Zwecke der Handlungen sind gewollt, aber die Resultate, die wirklich aus den Handlungen folgen, sind nicht gewollt, oder soweit sie dem gewollten Zweck zunächst doch zu entsprechen scheinen, haben sie schließlich ganz andere als die gewollten Folgen.“ (13) Es besteht ein Zwiespalt zwischen den Zielen menschlicher Tätigkeit, d. h. den idealen Vorstellungen über die Ergebnisse ihrer Tätigkeit und den wirklichen, materiellen Ergebnissen, d.h. der tatsächlichen, realen Menschheitsgeschichte. Das zeigt, aus dem Blickwinkel materialistischer Geschichtsauffassung, die Notwendigkeit, eine Antwort auf die Grundfrage der Geschichtsphilosophie zu geben: Woher nehmen die Menschen ihre Ziele, „welche treibenden Kräfte wieder hinter diesen Beweggründen stehen, welche geschichtlichen Ursachen es sind, die sich in den Köpfen der Handelnden zu solchen Beweggründen umformen?" (14)
Die Antwort liegt, jedenfalls im System der materialistischen Geschichtsphilosophie, auf der Hand: Die materiellen Verhältnisse der Menschheit zur Welt bestimmen deren ideelle Verhältnisse zu ihr. Das Sein bestimmt das Bewusstsein, das gesellschaftliche Sein bestimmt das gesellschaftliche Bewusstsein. Die Ideen, die Vorstellungen, die Ziele menschlicher Tätigkeit liegen in den materiellen Verhältnissen der Menschen zur Welt begründet. Sie entstehen aus den materiellen Lebensbedingungen, in der materiellen Produktion, im materiellen Verkehr, kurz in den materiellen Verhältnissen der Menschen zur Natur und der Menschen untereinander. Sie finden ihren Ausdruck in der geistigen Tätigkeit, dem geistigen Austausch, in der Staatsideologie, im Recht, in der Moral usw.
Die ideellen Verhältnisse der Menschen zur Welt stellen eine Reflexion ihrer materiellen Verhältnisse dar. Deshalb haben die ideellen Verhältnisse, die Verhältnisse des Bewusstseins, die Ideen, die Vorstellungen, die Theorien, die die Menschheit in der Moral, im Recht, in der Religion, in der Politik und anderen Ideologien ausdrückt, keine eigene Geschichte. (15) Das heißt natürlich nicht, dass sie nicht auf den Menschen und sein Verhältnis zur Welt zurückwirken.
Auf jeder Stufe der Geschichte finden die Menschen einerseits „ein materielles Resultat... ein historisch geschaffenes Verhältnis zur Natur und der Individuen zueinander...die jeder Generation von ihrer Vorgängerin überliefert wird ... vor“, welches ihre historischen Verhältnisse zur Welt bestimmt. (16) Andererseits reproduziert und verändert jede neue Generation die historischen Verhältnisse der Menschen zur Natur und der Menschen zueinander und schafft neue materielle Verhältnisse und neue materielle Gegebenheiten für die kommenden Generationen. Jedes vorherige und gegenwärtige materielle Resultat der geschichtlich ablaufenden Verhältnisse der Menschen zur Natur und der Menschen zueinander bestimmt die Möglichkeit und die Wirklichkeit der konkret-historischen Entwicklung ihrer menschlichen Verhältnisse zur Welt. So verhält es sich auch mit der Widerspiegelung der Entwicklungsgesetze in Form von Begriffen und Theorien, sowie den Möglichkeiten der Überwindung der entmenschlichten Verhältnisse der Menschen zur Welt. Aus dieser Sicht muss unterstrichen werden, dass der Kommunismus bei Marx und Engels sich ebenfalls als materielles Resultat der vorherigen Entwicklung der Geschichte der Menschheit darstellt. Er ist „nicht ein Zustand, der hergestellt werden soll, ein Ideal, wonach die Wirklichkeit sich zu richten haben (wird)“, sondern „eine wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt.“ (17)
Der Kommunismus ist eine durchaus materielle Tätigkeit, in deren Verlauf die in der Wirklichkeit vorhandenen Widersprüche gelöst und neue materielle Verhältnisse der Menschheit zur Welt geschaffen werden. Damit einhergehend entstehen auch neue Vorstellungen und Ideen über die Menschen und die Welt (Bewusst-sein, Recht, Moral usw.), die diesen neuen materiellen menschlichen Verhältnissen entsprechen. Daraus abgeleitet zeigt sich der Kommunismus in der materialistischen Geschichtstheorie als eine Bewegung zur nächsten Etappe der historischen Entwicklung der Menschheit. „Der Kommunismus ist als Position die Negation der Negation, darum das wirkliche , für die nächste geschichtliche Entwicklung notwendige Moment der menschlichen Emanzipation....Der Kommunismus ist die notwendige Gestalt und das energische Prinzip der nächsten Zukunft, aber der Kommunismus ist nicht als solcher das Ziel der menschlichen Entwicklung…“ schreibt Marx. (18) Diese neue Entwicklungsstufe hat die Befreiung der Menschen von ihren bisherigen entmenschlichten Verhältnissen zur Welt, die von den Menschen selbst geschaffenen wurden, zum Inhalt.
Ich vermute, dass die meisten Revolutionäre zu Beginn des 20. Jahrhunderts den Kommunismus hauptsächlich als Ziel, als eine Idee begriffen haben. Als ein von Marx entdecktes ideales Gesellschaftsmodell, das durch politische Gewalt, und nur so, verwirklicht werden konnte, ja verwirklicht werden musste. Die materielle Bereitschaft (Reife) der Menschheit, diese Gewalt zu akzeptieren, wurde aus den bereits existierenden Widersprüchen zwischen den Produktivkräften und den Produktionsverhältnissen, die dazu auch noch recht einseitig betrachtet wurden, abgeleitet. Im Proletariat sah man das Subjekt der anstehenden grundlegenden Umwälzung. Das erschien offenbar als ausreichend. Diese Ausgangsprämisse versagte jedoch in der Praxis der Oktoberrevolution. Russland konnte sich und die übrige Menschheit nicht in eine neue Gesellschaftsordnung hineinführen. Deshalb ging Lenin einen Schritt zurück. Das Land realisierte die „Neue Ökonomische Politik“ (NÖP). Diese sollte, nach Lenins grundlegender Überzeugung, eine ernsthafte und für einen langen Zeitraum geltende Option sein. Stalin und sein Gefolge jedoch kamen zu einem anderen Schluss. Aus Ungeduld oder geleitet vom „heiligen Glauben an die eherne Idee des Marxismus“, so wie sie ihn verstanden, vielleicht auch aus imperialen Ambitionen (so z.B. der Historiker Edward Radzinskij) oder aus anderen Gründen, brachen sie die NÖP abrupt ab. Von nun an stand die Idee, nicht aber der wirkliche Zustand der Gesamtheit der materiellen Verhältnisse der Produktion, des Verkehrs, der Gesellschaft u.a über allem. Im bedingungslosen Glauben an die Kraft der Idee, in ihrer götzenhaften Anbetung, kann man eine der Ursachen für den Totalitarismus, nicht nur in der Sowjetunion, finden. Nach meiner Auffassung ist das auch einer der Gründe für die geradezu inquisitorische Verfolgung und für die nicht nur psychologische Folter von Parteimitgliedern durch die eigenen Genossen. Das geschah nicht zuletzt unter der Losung der Überprüfung ihrer Treue zu den Ideen des Kommunismus. Diese unseligen Zustände erlebten während der bekannten Säuberungen und Repressalien 1937-38 einen traurigen Höhepunkt. Dabei klang die Losung, „Wer nicht mit uns ist, ist gegen uns“, unheilverkündend immer mit. Der Gedanke, dass der Kommunismus keine Idee, sondern eine materielle, historische Vorwärtsbewegung der Menschheit ist, in deren Verlauf die Menschen bereits schon innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft materiell neue menschliche Verhältnisse aufbauen, die sie dabei häufig selbst nicht als kommunistische begreifen können, wäre damals als Opportunismus höchsten Grades erschienen. Manchem erscheint dieser Gedanke auch heute noch als Verrat an der Idee einer kommunistischen Revolution. Den ersten Versuch einer Vergewaltigung der Geschichte im Namen des Kommunismus haben wir aber bereits erlebt und wissen, womit er endete. Daran gibt es nichts zu deuteln. Wie soll man in der heutigen, von globalen Problemen zerrissenen Welt die tatsächliche, materielle Vorwärtsbewegung zum Kommunismus verstehen? Ist sie real oder existiert sie nur im Geiste, in Form neuer Utopien über eine herrliche Zukunft der Menschheit?
Marx würde uns den dringenden Rat geben: „Sucht in der Wirklichkeit!" Also schauen wir uns in der heutigen Realität doch einmal unvoreingenommen um. Da entdecken wir, dass neben einer Unmenge unmenschlicher Zustände innerhalb unserer schrecklichen Welt schon eine Menge menschlicher Verhältnisse existieren: es gibt sie in den Familien, in mancher Genossenschaft und in einigen Kleinbetrieben, in gesellschaftlichen Organisationen, die Wissen verbreiten, die Kultur pflegen, für eine gesunde Lebensweise eintreten, sich um Behinderte kümmern usw. Natürlich wird kaum einer der auf diese Art Tätigen seine Arbeit als eine kommunistische bezeichnen, zumal diese Bezeichnung schon oft genug diffamiert, ja kriminalisiert worden ist. Doch auch die Gründer der ersten Manufakturen im fernen 17. Jahrhundert haben sicher nicht erkannt, dass sie mit der Organisation einer zentralisierten Produktion den Grundstein für die kapitalistische Gesellschaftsordnung legten.
Die ersten Kapitalisten waren noch gezwungen, sich auf vielfältige Art und Weise mit der Herrschaft der Feudalherren zu arrangieren, sich anzupassen und gar mit ihr zu verbünden. Sie selbst lebten dabei jedoch bewusst nach ihren eigenen Bedürfnissen, ihren eigenen Vorstellungen über Gut und Böse, ungeachtet der Tatsache, dass die sie umgebende Welt (noch) ganz anders war. Diese Menschen schufen bereits innerhalb der alten Ordnung eine menschlichere Gesellschaft, entsprechend ihren Vorstellungen über Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, die ihren materiellen Interessen und ihrer neuen Lebensweise entsprachen. Dass die heutige Realität diesen ursprünglichen idealen Vorstellungen nur entfernt, rudimentär, entspricht, steht auf einem anderen Blatt. Obwohl es den Menschen, im Gegensatz zum Tier, eigen ist, ihre Tätigkeit mit einem bestimmten Ziel zu verrichten, und dieses Ziel zuweilen in Form einer großen Idee, als wissenschaftliche Theorie, als Modell einer großen Zukunft zum Ausdruck gebracht wird, sei festgestellt, dass nicht die Ideen die Welt bewegen. Zwischen der Idee und der Wirklichkeit klafft immer eine Lücke, und durch diese Lücke zwängt sich die unerbittliche Wahrheit: Nie erreichen die Menschen hundertprozentig das, was ihrer Idee, ihrem Ideal entspricht. Darin besteht einer der wesentlichsten Widersprüche menschlicher Verhältnisse zur Welt.
Die Widersprüche zwischen den ideellen und den materiellen Verhältnissen der Menschheit zur Welt bestanden schon immer. Sie bleiben auf Grund der ständigen Bewegung der Welt und der ständigen Bewegung des menschlichen Verhaltens zur Welt auch immer bestehen. In der gegensätzlichen Einheit materieller und ideeller menschlicher Verhältnisse zur Welt verbirgt sich eine Art Perpetuum mobile der Menschheitsgeschichte. Mittels der praktischen, die Welt verändernden Tätigkeit, lösen die Menschen die Widersprüche zwischen ihren Ideen und der Realität, um kurz danach die Auferstehung neuer Widersprüche festzustellen, die wie Phönix aus der Asche im neuen Gewand, aber unübersehbar, erscheinen.
Eben dieses Rätsel der Geschichte versuchten Marx und Engels zu lösen, indem sie immer tiefer in die Spezifik menschlicher Verhältnisse zur Welt vordrangen. So entstand die Frage nach dem allgemeinen Mechanismus menschlichen Verhaltens. Wie verändert die Menschheit die Welt — die Welt der Natur und die Welt des Menschen?
- K.Marx, F.Engels: Werke. Dietz Verlag. Berlin 1958. Bd.3. S.44.
- K.Marx, F.Engels: „Kleine ökonomische Schriften“. Sammelband. Bücherei des Marxismus-Leninismus. Dietz Verlag. Berlin 1955. Bd.42. S.165-166.
- K.Marx, F.Engels: Werke. Dietz Verlag. Berlin 1958. Bd.3. S.38.
- ibidem.
- ibidem.
- K.Marx, F.Engels: „Kleine ökonomische Schriften“. Sammelband. Bücherei des Marxismus-Leninismus. Dietz Verlag. Berlin 1955. Bd.42. S.127.
- K.Marx, F.Engels: Werke. Dietz Verlag. Berlin 1958. Bd.3. S.31.
- K.Marx, F.Engels: „Kleine ökonomische Schriften“. Sammelband. Bücherei des Marxismus-Leninismus. Dietz Verlag. Berlin 1955. Bd.42. S.129.
- K.Marx, F.Engels: „Kleine ökonomische Schriften“. Sammelband. Bücherei des Marxismus-Leninismus. Dietz Verlag. Berlin 1955. Bd.42. S.151.
- K.Marx, F.Engels: Werke. Dietz Verlag. Berlin 1965. Bd.27. S.453.
- Marx/Engels: Gesamtausgabe. Marx-Engels-Verlag GmbH. Berlin 1932. Erste Abteilung. Bd.5. S.536.
- K.Marx, F.Engels: Werke. Dietz Verlag. Berlin 1962. Bd.21. S.297.
- Ibidem.
- Ibidem.
- K.Marx, F.Engels: Werke. Dietz Verlag. Berlin 1958. Bd.3. S.26-27.
- Ibidem. S. 38.
- Ibidem. S.35.
- K.Marx, F.Engels: „Kleine ökonomische Schriften“. Sammelband. Bücherei des Marxismus-Leninismus. Dietz Verlag. Berlin 1955. Bd.42. S.140.