FÜR EINE MENSCHLICHE GESELLSCHAFT! DER MARXISMUS – IRRLICHT ODER GANZHEITLICHE THEORIE?
Шелике Вальтраут Фрицевна. Материал взят из резервной копии сайта wtschaelike.ru. Дата последнего изменения 14.12.2007.
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Dr. Waltraut Schälike (Moskau). Aus dem Russischen übersetzt und bearbeitet von Dr. Karl Harms und Frank Preiß.
Die Prozesse, die heute die Menschheit mit voller Wucht und in globalem Ausmass erfassen, und die in einer Welt verlaufen, die so widersprüchlich wie noch nie ist, werfen eine Unzahl von kom-plexen Problemen auf, von deren Lösung nicht nur partielle Elemente der Lebensweise berührt wer-den. Ohne Übertreibung lässt sich sagen, dass die Existenz der Menschheit im Ganzen davon ab-hängt, wie diese auf die neuen. aktuellen Herausforderungen reagiert
Daher ist es unverzüglich und vordringlich notwendig, diese weltumfassenden Widersprüche einer theoretischen allseitigen Analyse zu unterziehen. Parallel muss die Suche nach praktischen Schritten zur humanen Lösung der anstehenden brennenden Fragen einen zentralen Platz einnehmen. Diese umfassende Aufgabenstellung erfordert neben folgerichtigem und methodologisch fundiertem Den-ken in der Theorie ein zielorientiertes Handeln in der Praxis.
Hier entsteht zwangsläufig die Frage, ob die Menschheit über solch ein Erkenntnisinstrumentarium verfügt. Dieses ist ja nur dann geeignet, die gestellten Aufgaben zu bewältigen, wenn es in seinen praktischen Auswirkungen nicht dazu führt, dass das Ziel in einen generellen Widerspruch zum Er-gebnis und die Theorie zum Widerspruch mit der Praxis führt.
Viele Revolutionäre des 20. Jahrhunderts waren davon überzeugt, dass sie im Marxismus dieses In-strumentarium gefunden hatten. Die Niederlage der ersten sozialistischen Revolutionen, die nach Auffassung von A.W. Busgalin einen "mutierten Sozialismus" hervorbrachten, erschütterte indes auch unter den Linken die Ansicht, dass der Marxismus ein universelles und probates Allheilmittel für die Lösung der Menschheitsprobleme sei. (Buzgalin, A. V.: "Renessans socialisma". Moskva. Verlag URss 2003. S.378-385)
Gegenwärtig beobachten wir weltweit einen erneuten geistigen Ansturm, der zunächst darauf gerich-tet ist, jenseits der vorherrschenden Auffassungen, neue Ansätze zum Erkennen und Verstehen der scheinbar immer unentwirrbarer werdenden Welt zu finden. Gleichzeit ist unübersehbar, dass immer mehr Menschen in den verschiedenen Regionen unseres Erdballs die Welt nicht nur verstehen, sondern auch verändern wollen. Sie machen sich daran, diese Welt entsprechend ihrer spezifischen Vorstellungen und Interessen, ihrer klassenmässigen, ökologischen, religiösen, nationalen, feministischen, patriarchalischen, optimistischen, pessimistischen, phi-losophischen, alltäglichen, idealistischen, materialistischen usw. Ideen und Intentionen, neu zu formen.
Im gegenwärtigen Chaos der Ideen und Theorien nimmt der Marxismus weiterhin einen wichtigen, wenn auch keinen dominierenden, Platz ein. Er tritt uns dabei in Form verschiedener Strömungen, einschliesslich seiner dogmatischen Auslegung gegenüber. Gerade die dogmatische Form des Marxismus wird, nicht zuletzt in den ehemaligen Ländern des "realen Sozialismus", als vermeintlich ori-ginäre Form wahrgenommen. Die Kritik des "dogmatischen Marxismus" ist so notwendig wie richtig, weil diese Strömung mit solchen Begriffen wie Natur und Gesellschaft, Basis und Überbau, Widerspruch zwischen Produkti-onsmitteln und Produktionsverhältnissen als Ursache von Revolutionen usw. jongliert und den Men-schen dabei einfach "vergisst", ihn in den Hintergrund treten lässt. In diesem "Marxismus" ist kein Platz für die Individuen mit all ihren vielschichtigen Leidenschaften, Zielen und Wünschen. Es gibt nur Klassen; und zwischen den Klassen herrscht Klassenkampf. Wie lange wird es wohl noch dauern, bis diese enge Vorstellung vom Marxismus aus den Köpfen verschwindet?
"Können wir überhaupt von einer Philosophie des Marxismus sprechen?" Die Frage nach der Exis-tenz einer marxistischen ökonomischen Theorie des Kapitalismus, lässt sich kaum verneinen. Sie wurde, dass wird wohl keiner bestreiten, von Marx geschaffen und gibt uns auch heute noch vieles, selbst für die Kritik des modernen Kapitalismus.
Was hat es aber mit der marxistischen Philosophie auf sich? Ist eine Philosophie überhaupt geeignet und fähig, die Ursachen und das Wesen der in der Welt scheinbar chaotisch vor sich gehenden wi-derspruchsvollen Prozesse zu erklären? Handelt es sich hier doch um Abläufe und Zusammenhänge, die den Menschen seit ewig quälen, ihm undurchsichtig erscheinen und bis auf den heutigen Tag "sein Leben verderben".
Wurde eine derartig anspruchsvolle, komplexe Theorie von Marx und Engels damals, im so weit zu-rückliegenden 19. Jahrhundert, überhaupt erarbeitet?
Diese Frage beschäftigte auch Rosa Luxemburg, und sie antwortete darauf mit einem ‚Nein'. Marx und Engels hätten nur einzelne geniale Gedanken geäussert, die schematisch fixiert wurden, jedoch nicht bis zu einer abgeschlossene Theorie weitergeführt wurden.
Diesen Gedanken von Rosa Luxenburg erwähnte kürzlich z.B. auch Robert Steigerwald in einem Beitrag zur Methodologie des Marxismus. ("Dialiktisch, Praktisch, Gut". Tageszeitung "Junge Welt" v.02.11.2005. S.10.)
Hatte Rosa Luxemburg damit aber wirklich recht? Haben die Marxisten der ganzen Welt ein Jahrhundert lang in der Illusion gelebt, Marx und Engels hätten die Theorie über die tatsächlich wirkenden Gesetze der Entwicklung der Menschheit und die realen Perspektiven zur Überwindung der antagonistischen Widersprüche entdeckt?
Die Frage muss man sowohl mit Ja als auch mit Nein beantworten. Einerseits bin ich der Auffassung, dass Karl Marx bis heute als einer der seltenen Gelehrten gelten kann, dem es gelungen ist, eine, das Ganze erfassende, systemorientierte Erkenntnistheorie der praktischen Entwicklungsprozesse der Menschheit zu schaffen. Diese besitzt auch ein entsprechendes System folgerichtiger Kategorien.
Andererseits haben Karl Marx und Friedrich Engels ihren Nachkommen jedoch in der Tat keine Schrift, keinen Aufsatz und kein Buch - etwa mit dem Titel "Philosophie des Marxismus" - hinterlassen, in dem sie den kommenden Generationen ihre philosophische Logik säuberlich systematisiert und schön geordnet hinterlassen hätten.
Es existieren aber genug veröffentlichte Handschriften, die den damals noch jungen Gelehrten sozusagen als "Laboratorium" für ihr Suchen und das Fixieren ihrer Erkenntnisse dienten. Das gibt uns heute die Möglichkeit, ihr Herangehen zu analysieren, ihre Theorie gewissermassen zu defragmentieren, in ihrer Gesamtheit erkennbar zu machen.
Besonders die Arbeiten "Ökonomisch-philosophische Manuskripte aus dem Jahre 1844" und "Die deutsche Ideologie" (1845-46), die zu Papier gebracht wurden, als Marx, nach den Worten von Engels, seine erste grosse Entdeckung machte, indem er die Entwicklungsgesetze der Menschheit entdeckte, waren zu Lebzeiten Rosa Luxemburgs noch nicht veröffentlicht. Rosa wurde fuenf Jahre vor der Erstausgabe der "Deutschen Ideologie" ermordet. Sie ist als "Zeuge gegen Marx" daher nicht geeignet, weil sie einfach nicht die Möglichkeit hatte, sich mit dessen Gedanken in ihrer Gesamtheit vertraut zu machen.
Damit stand sie jedoch leider nicht allein. Auch Wladimir Lenin hat diese Handschriften nie zu Gesicht bekommen. Dafür hat aber Jossif Stalin einen grossen Beitrag für die Vulgarisierung des Marxismus geleistet. Unter seiner "weisen Führung" wurde der Marxismus zu einem Katechismus unan-tastbarer Dogmen degradiert, an die man wie an eine Religionslehre zu glauben hatte.
Ende der 1980er Jahre, während der Ereignisse der sogenannten "Wende" und schon davor, unter dem Einfluss verständlicher und erklärlicher Enttäuschungen über den "realen Sozialismus", erzeug-te allein der Name von Marx bei einem grossen Teil der sowjetischen Intelligenz eine Abwehrhal-tung. Die nahezu mystifizierte Erwartung von Wundern des Kapitalismus und die Wirkung eines mi-litanten Antikommunismus taten ein Übriges.
So steht heute vor den Marxisten die Aufgabe, Marx neu zu entdecken. Das verlangt unter anderem das Erfassen des marxschen Ausgangspunktes und des Algorithmus` der Entfaltung seiner Theorie, um daraus die Frage zu beantworten, ob wir tatsächlich das Recht haben, von einer Ganzheitlichkeit der Marxschen Theorie zu sprechen.
Was diente für Marx und Engels als Ausgangspunkt ihrer Theorie? Gelang es Ihnen, bereits zu Be-ginn der Untersuchungen den Gegenstand der Analyse als Ganzes zu erfassen?
Findet man in den Arbeiten von 1844-46 überhaupt eine Antwort darauf?
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Am Anfang war…
Zunächst ist es notwendig, den Gegenstand der Theorie exakt zu bestimmen. Denn jede Wissen-schaft, die bestimmte Aspekte des menschlichen Lebens und der Welt erforscht, hat ihren spezifischen Untersuchungsgegenstand, der sich von den Objekten anderer Wissenschaften unterscheidet. Für die Sozialpsychologie sind andere Objekte von Interesse als für die Psychoanalyse. Die Politwis-senschaften untersuchen andere Prozesse als die Kulturwissenschaften, was freilich nicht bedeutet, dass es zwischen ihnen keine "Querverbindung" "Überlappungen" oder "Teilmengen" gäbe. Die Untersuchungsgegenstände der einzelnen Geisteswissenschaften sind die Entäusserungen nur eines Teils der riesigen Vielfalt des Verhältnisses Mensch-Welt. Deshalb hielt es Marx für erforder-lich, im Vorwort zu seiner Arbeit über die Kapitalismustheorie im "Kapital" den Untersuchungsge-genstand exakt zu definieren. "Was ich in diesem Werk zu erforschen habe, ist die kapitalistische Produktionsweise und die ihr entsprechenden Produktions- und Verkehrsverhältnisse." (Karl Marx. Friedrich Engels. Werke. Dietz Verlag. Berlin. 1958, Bd. 23. S.12,
Im "Kapital" stellt sich Marx die Aufgabe, nur eine bestimmte Stufe der Entwicklungsgeschichte der Menschheit den Kapitalismus zu analysieren. Dabei ging es ihm "nur" um dessen ökonomische Grundlagen. Demensprechend bestimmt er auch den Rahmen (die Grenzen) seiner Untersuchungen. Doch was war der Gegenstand der Forschungen von Marx und Engels in ihrer frühen Schaffenspha-se, der Zeit der ersten grossen Entdeckungen des jungen Marx? Das Sein? Die Gesellschaft? Das Verhältnis von Sein und Bewusstsein?
Es genügt, die alten, oft vergessenen Lehrbücher des historischen Materialismus aufzuschlagen, um eine Vielzahl von Antworten auf diese scheinbar elementare Frage zu entdecken. Lassen wir das Ra-ten, denn unsere Aufgabe ist recht einfach. Uns geht es um die Bestimmung des Untersuchungsge-genstandes an Hand der Definitionen, wie sie Marx und Engels selbst formulierten. In einer der Va-rianten des Beginns des ersten Kapitels der "Deutschen Ideologie" bestimmen die Begründer des Marxismus den Gegenstand und die Bezeichnung der Wissenschaft, die sie erarbeiteten ganz eindeu-tig. Da dieses früher sehr populäre Zitat in der Literartur selten zu finden ist, bringe ich es hier voll-ständig: "Wir kennen nur eine Wissenschaft, die Wissenschaft der Geschichte", - so beginnen Marx und En-gels den Gegenstand ihrer Untersuchung zu definieren. - "Die Geschichte kann von zwei Seiten aus betrachtet werden, als … die Geschichte der Natur und die Geschichte der Menschen … Beide Sei-ten sind indes … nicht zu trennen; solange Menschen existieren, bedingen sich Geschichte der Natur und Geschichte der Menschen gegenseitig. Die Geschichte der Natur, die sogenannte Naturwissen-schaft, geht uns hier nicht an; auf die Geschichte der Menschen werden wir indes einzugehen haben, da fast die ganze Ideologie sich entweder auf eine verdrehte Auffassung dieser Geschichte oder auf eine gänzliche Abstraktion von ihr reduziert. Die Ideologie selbst (ist) nur eine Seite dieser Ge-schichte". (Marx/Engels, Gesamtausgabe. Marx-Engels-Verlag G.M.B.H. Berlin. 1932. Erste Abtei-lung, Bd.5. S.567-568. )
Dass der Gegenstand der Philosophie des Marxismus eindeutig die Geschichte der Menschheit ist, deren Gesetzmässigkeiten Marx erforschte und entdeckte, bestätigte Engels in seiner Rede am Gra-be von Marx: "Wie Darwin das Gesetz der Entwicklung der organischen Natur, so entdeckte Marx das Entwicklungsgesetz der menschlichen Geschichte..."(Karl Marx. Friedrich Engels. Werke.Dietz Verlag. Berlin. 1962. Bd.19, S.335)
Man kommt also nicht umhin, zu konstatieren, dass die Begründer des Marxismus ihre Theorie klipp und klar als eine materialistische Betrachtungsweise der Geschichte oder als materialistische Theo-rie der Geschichte bezeichnen und den Gegenstand ihrer Forschungen keineswegs unter den Tisch kehren.
Natürlich kann eine solche Definition des Gegenstandes des Marxismus zunächst etwas erstaunen, einfach deshalb, weil im Massenbewusstsein die Geschichtswissenschaft heute (aber auch schon zu Marx` Zeiten) nicht selten als eine mehr oder weniger interessante Beschreibung von Fakten aus der Vergangenheit wahrgenommen wird. Der jeweilige Historiker hat dann diese Begebenheiten und Er-eignisse, entsprechend seiner individuellen Vorstellungen und theoretischen Neigungen, für uns aus-gesucht und dargelegt. Das kann die Geschichte von Kriegen und Revolutionen, bedeutender oder wenig bekannter Dynastien, von Volksbewegungen u.s.w. sein. Bei einem solchen Herangehen wäre niemand in der Lage, die Gesamtgeschichte der Menschheit zu beschreiben. Keines Menschen Leben reichte für ein derartiges Unterfangen!
Doch Marx und Engels wählten als Untersuchungsgegenstand ausgerechnet die Geschichte der ge-samten Menschheit und diese beschäftigte sie in ihrer frühen Schaffenszeit besonders. Sie erfassten die allgemeinen, besonderen und partikularen Bewegungsgesetze des historischen Prozesses, erarbei-teten die allgemeine Methodologie des Erkennens der historischen Wirklichkeit. Auf jeder Ebene der Analyse, ausgedrückt in entsprechenden Kategorien, erschien der Gegenstand dabei in all seiner Komplexität, Ganzheitlichkeit. Wie gelang ihnen das?
Hier treffen wir wieder auf die Frage "Womit beginnen?" Mit welcher Kategorie sollte man die Ent-faltung der materialistischen Geschichtstheorie anpacken damit der Untersuchungsgegenstand bereits von Anfang an als Ganzes in Erscheinung tritt?
Ich muss hier anmerken, dass es in der sowjetischen philosophischen Literatur keine einheitliche Meinung über die Ausgangskategorie des historischen Materialismus gegeben hat. Wo soll also die Untersuchung zuerst ansetzen? Mit "Dingen", wie der Ware, die Marx z.B. im "Ka-pital", als Ausgangspunkt wählte? Mit der Tätigkeit als Ausdruck der sozialen Form der Bewegung? Mit dem Menschen? Mit der Gesellschaft und der Natur? Mit der Beantwortung der Frage nach dem Verhältnis von Sein und Bewusstsein? Man könnte unendlich lange darüber streiten, doch ist es bei Marx und Engels direkt nachzulesen, was ihrer Meinung nach der Ausgangspunkt ist. Es existieren dazu eindeutige Antworten der Be-gründer der marxistischen Theorie.
In seiner unvollendeten Handschrift zur Rezension des Buches "Zur Kritik der politischen Ökono-mie" charakterisierte Engels1859 die von Marx angewandte logische Untersuchungsmethode, die die Basis für die Bestimmung und Entwicklung der marxschen Beweisführung bildete, wie folgt: "Womit diese Geschichte anfängt, damit muss der Gedankengang ebenfalls anfangen, und sein wei-terer Fortgang wird nichts sein, als das Spiegelbild, in abstrakter und theoretisch konsequenter Form, des historischen Verlaufs; ein korrigiertes Spiegelbild, aber korrigiert nach Gesetzen, die der wirkli-che geschichtliche Verlauf selbst an die Hand gibt, indem jedes Moment auf dem Entwicklungspunkt seiner vollen Reife, seiner Klassizität betrachtet werden kann...Wir gehen bei dieser Methode aus von dem ersten und einfachsten Verhältnis, das uns historisch, faktisch vorliegt...".(Karl Marx. Friedrich.Engels. Werke. Dietz Verlag. Berlin. 1964 .Bd.13, S.475.) � Noch einmal verweise ich darauf, dass die Menschen das Erkennen der Gesetzmässigkeiten ihrer tatsächlichen Verhältnisse in Kategorien zum Ausdruck bringen. Hierzu meinte Marx: "Die Verhält-nisse werden...im Bewusstsein zu Begriffen..." (K.Marx. F.Engels. Werke, Dietz Verlag. 1958.Bd.3, S.539), was aber nicht ausschliesst, dass in der Politik, Jurisprudenz, Philosophie seitens der Men-schen, die in diesen Gebieten tätig sind, diese Verhältnisse auf den Kopf gestellt werden, was wie-derum von ihren eigenen Lebensverhältnissen abhängt.
Folglich lautet die Antwort auf die Frage "Womit muss die materialistische Geschichtstheorie be-ginnen?" wie folgt: Es muss unbedingt ein Ausgangsverhältnis (bzw. eine Kategorie, was letztend-lich ein und dasselbe ist) der Geschichtswissenschaft gefunden werden. Dieses muss alle originären Eigenschaften besitzen, die die Geschichte als praktischen Entwicklungsprozess der Menschheit in ihrer Gesamtheit kennzeichnen. Es muss den Geschichtsprozess in seinem gesamten Verlauf kenn-zeichnen. Gleichzeitig muss diese Ausgangskategorie das einfachste, ursprünglichste Verhältnis erfassen, je-nes, welches unmittelbar zu unseren Füssen liegt und das wir lediglich aufnehmen müssen. Es muss uns buchstäblich ins Auge stechen, unseren Möglichkeiten der Erkenntnis zugänglich sein, sich als selbstverständlich anbieten. Unsere Kategorie muss sich schliesslich als Ausgangspunkt, als Keim-zelle des auf oder aus ihr zu entwickelnden theoretischen Systems von Definitionen des Gegenstan-des unserer Untersuchung eignen.
Um die Tiefe dieses Gedankens zu verstehen, sollte man sich zunächst darüber klar werden, was un-ter dem o.g. Verhältnis verstanden werden soll, denn auch hier gab es in der sowjetischen marxisti-schen Philosophie keine einheitlichen Auffassungen.
Doch bei Marx und Engels werden wir auch diesmal fündig. Hier ist besonders anzumerken, dass es Marx und Engels bei dem Begriff Verhältnis um eine spezifisch menschliche Art und Weise der Wechselwirkung des Individuums mit der Welt ging, die die Lebenstätigkeit des Menschen von dem der Tiere grundlegend unterscheidet. Marx und Engels schrieben in der "Deutschen Ideologie" dazu: "...das Tier ‚verhält' sich zu Nichts und überhaupt nicht."(Karl Marx. Friedrich Engels. Werke.Dietz Verlag. Berlin. 1958. Bd.3, S.30) Mit anderen Worten: Das Tier macht sein Verhältnis mit der Natur und seiner "Gemeinschaft" nicht bewusst zum Gegenstand seiner Beziehungen, erfasst es nicht und verändert es nicht zielgerichtet nach seinen Vorstellungen.
Der Begriff "Verhältnis" dient Marx und Engels dazu, die grundlegende Spezifik der Wechselwir-kungen des Menschen mit der Welt zu unterstreichen, und um den Unterschied zu jenen wechselsei-tigen Verbindungen deutlich zu machen, die ohne Beteiligung des Menschen ablaufen.
Ein weiteres Problem, das man beachten sollte, ist die Tatsache, dass Engels uns eine sehr wichtige Definition der Methodologie (des Algorithmus) der Entfaltung der "Verhältnisse" hinterliess. Es handelt sich um die Dialektik, das ergänzende Zusammenspiel, von Logischem und Historischem im Erkenntnisprozess. (KarlMarx. Friedrich Engels. Werke.Dietz Verlag. Berlin. 1964. Bd.13, S.475)
Diese Methodologie stellt sich folgendermassen dar.
- Am Anfang steht das Erkennen des ersten und einfachsten Verhältnis`, welches historisch vor dem Betrachter liegt.
- Das gefundene einfachste Verhältnis muss dem Untersuchungsgegenstand entsprechen.
- Da die materialistische Geschichtswissenschaft nicht auf die politische Ökonomie reduziert werden kann, benötigt diese Theorie ein eigenes, ihrem Wesen entsprechendes, Ausgangs-verhältnis.
- Das gefundene einfachste Verhältnis der materialistischen Geschichtstheorie sollte tatsäch-lich wirklich existieren, und nicht Produkt unserer Einbildungskraft sein.
- Das ursprüngliche Ausgangsverhältnis besteht von Anfang an als Wechselverhältnis und wird daher auch nur als solches untersucht. Es hat mindestens zwei Seiten die in konkreter Art und Weise miteinander im Verhaeltnis stehen. Das Verhalten zueinander ist zu untersu-chen.
- Dazu wird "jede dieser Seiten für sich betrachtet; daraus geht hervor die Art ihres gegensei-tigen Wechselverhaltens." (ibidem)
- Eine solche Betrachtungsweise erlaubt es, den Charakter der Wechselwirkungen und der zwischen ihnen auftretenden Widersprüche zu erkennen, "die eine Lösung verlangen." (ibi-dem).
- Im Weiterem sollte erforscht werden, wie oder ob die Widersprüche der Seiten in der Praxis gelöst werden und wie oder ob sich ein neues Verhältnis, das Ergebnis dieser Lösung ist, gestaltet
- Danach wiederholt sich dieser Prozess in einem neuerlichen Kreis. Darin werden die ent-standenen neuen Verhältnisse vermittels ihrer Zerlegung in die ihnen eigenen Seiten analy-siert. Dies geschieht zunächst für jede der Seiten einzeln und dann in ihrer widersprüchli-chen Wechselwirkung. Auf diesem Wege werden auch mögliche und nicht mögliche Wege der Auflösung der ihnen innewohnenden Widersprüche aufgezeigt.
Damit nicht der Eindruck entsteht, dass diese Erkenntnismethode (Algorithmus) eine nachträgliche Interpretation der marxschen Methode durch Engels ist, lassen wir auch Marx selbst zu Wort kom-men. In den "Ökonomisch-philosophischen Manuskripten aus dem Jahre 1844" charakterisierte Karl Marx die allgemeine Methodologie der Bewegungsanalyse der Verhältnisse, von der er sich bei der Analy-se des Privateigentums leiten liess, als Verhältnis zwischen Arbeit und Kapital. (Marx/Engels "Klei-ne ökonomische Schriften". Sammelband .Buecherei des Marxismus-Leninismus. Dietz-Verlag. Ber-lin 1955. B.42 S. 119)
Wir verzichten auf das Zitieren des Originaltextes. Der Leser hat die Möglichkeit, selbst nachzu-schlagen. Ich möchte lediglich die Abfolge der Analyse aufzeigen, die die Bewegung der Verhältnis-se und ihrer Entwicklung sichtbar macht.
Marx skizziert diese wir folgt:
· Erstens gilt es, die "unmittelbare oder vermittelte Einheit beider" Glieder des Verhältnisses herauszuarbeiten. (ibidem) · Zweitens ist es notwendig den "Gegensatz beider" Glieder in ihrem Verhältnis zueinander klarzumachen. (ibidem) · Drittens gilt es "den Gegensatz jedes gegen sich selbst" erkennbar zu machen. (ibidem) · Viertens soll die Analyse der Bewegung der Verhältnisse die konträre Gegensätzlichkeit der Seiten aufzeigen, die zum "feindlichen wechselseitigen Gegensatz" (Marx) führt. Dieser Kon-flikt setzt über die Beseitigung der Widersprüche eine weitere Bewegung der Verhältnisse in Gang, und damit den Übergang in eine neue Qualität. Genauso sind eine Selbstzerstörung der Verhältnisse und das Entstehen völlig neuer, sich von den vorhergehenden wesentlich unter-scheidenden Verhältnissen möglich.
Schliesslich sei betont, dass die Verhältnisse an sich zunächst drei Seiten beinhalten: a) Den Prozess der Tätigkeit des Menschen, der sich als Verhalten äussert. (Beispiel: Ich und Du, wir verhalten uns gut zueinander). b) Die Ergebnisse dieser Tätigkeit (des Verhaltens) als erzeugte Verhältnisse. (Beispiel: Wir unterhalten zueinander gute Verhältnisse). c) Die Bedingungen unter denen sich ihre Tätigkeit (das Verhalten) vollzieht als bestimmende Verhältnisse . (Beispiel: Unsere guten Verhältnisse zueinander schaffen unser gutes Verhal-ten und umgekehrt). Die dabei immer wieder neu erzeugten Verhältnisse werden zur Bedingung für die Entwick-lung oder Zerstörungen bestehender Verhältnisse. Sie bestimmen den Charakter des Verhal-tens des Menschen.
Die dialektische Einheit des Verhaltens und der Verhältnisse lässt sich leicht anhand einer willkürli-chen Reihe menschlicher Verhaltensweisen, die Marx in den "Ökonomisch-philosophischen Manu-skripten aus dem Jahre 1844" aufzeigte, nachvollziehen: "Jedes seiner menschlichen Verhältnisse zur Welt, Sehen, Hören, Riechen, Schmecken,, Fühlen, Denken, Anschauen, Empfinden, Wollen, Tätigsein, Lieben..." (Marx/Engels. Kleine oekonomischen Schriften. Sammelband. Buecherei des Marxismus-Leninismus. Dietz Verlag. Berlin. 1955. B.42. S.131.) bilden sich im Prozess bestimmter Tätigkeiten, d.h. der Mensch sieht, hört, riecht, schmeckt, fühlt, denkt, betrachtet, ertastet, wünscht, handelt, liebt usw. Gleichzeitig entstehen dabei Rückwir-kungen in Form neuer Verhältnisse, die ebenfalls den Charakter seiner Verhaltensweise beeinflussen. Eine Liebe z.B. ist durch das Verhalten der Liebenden zueinander gekennzeichnet. Es entstehen zwi-schen ihnen bestimmte Verhältnisse, die die Liebenden beeinflusst. Diese Verhältnisse "zwingen" sie also, so zu lieben (sich zueinander zu verhalten) wie es ihre Liebesverhältnisse "diktieren" usw.
Die Definition des Verhaltens als Einheit von Verhalten und Verhältnis gestattet es, die innere Wi-dersprüchlichkeit menschlichen Verhaltens immer wieder zu entdecken. Hervorgerufen wird sie durch die Widersprüche zwischen den Verhältnissen in Form der Tätigkeit (des Verhaltens) des In-dividuums und den Verhältnissen als Resultat und Bedingung dieser Tätigkeit.
Unter bestimmten Bedingungen können diese Widersprüche einen solchen Charakter annehmen, dass die Verhältnisse als feindliche, über den Menschen stehende Macht auftreten und als solche auch empfunden werden. In diesem Fall wandeln sich die menschlichen Verhältnisse in unmenschli-che. Es ist für den Leser sicher nicht schwer, Beispiele dafür in unserer Wirklichkeit auszumachen.
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Часть 2
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Am Anfang war…
Zunächst ist es notwendig, den Gegenstand der Theorie exakt zu bestimmen. Denn jede Wissen-schaft, die bestimmte Aspekte des menschlichen Lebens und der Welt erforscht, hat ihren spezifischen Untersuchungsgegenstand, der sich von den Objekten anderer Wissenschaften unterscheidet. Für die Sozialpsychologie sind andere Objekte von Interesse als für die Psychoanalyse. Die Politwis-senschaften untersuchen andere Prozesse als die Kulturwissenschaften, was freilich nicht bedeutet, dass es zwischen ihnen keine "Querverbindung" "Überlappungen" oder "Teilmengen" gäbe. Die Untersuchungsgegenstände der einzelnen Geisteswissenschaften sind die Entäusserungen nur eines Teils der riesigen Vielfalt des Verhältnisses Mensch-Welt. Deshalb hielt es Marx für erforder-lich, im Vorwort zu seiner Arbeit über die Kapitalismustheorie im "Kapital" den Untersuchungsge-genstand exakt zu definieren. "Was ich in diesem Werk zu erforschen habe, ist die kapitalistische Produktionsweise und die ihr entsprechenden Produktions- und Verkehrsverhältnisse." (Karl Marx. Friedrich Engels. Werke. Dietz Verlag. Berlin. 1958, Bd. 23. S.12,
Im "Kapital" stellt sich Marx die Aufgabe, nur eine bestimmte Stufe der Entwicklungsgeschichte der Menschheit den Kapitalismus zu analysieren. Dabei ging es ihm "nur" um dessen ökonomische Grundlagen. Demensprechend bestimmt er auch den Rahmen (die Grenzen) seiner Untersuchungen. Doch was war der Gegenstand der Forschungen von Marx und Engels in ihrer frühen Schaffenspha-se, der Zeit der ersten grossen Entdeckungen des jungen Marx? Das Sein? Die Gesellschaft? Das Verhältnis von Sein und Bewusstsein?
Es genügt, die alten, oft vergessenen Lehrbücher des historischen Materialismus aufzuschlagen, um eine Vielzahl von Antworten auf diese scheinbar elementare Frage zu entdecken. Lassen wir das Ra-ten, denn unsere Aufgabe ist recht einfach. Uns geht es um die Bestimmung des Untersuchungsge-genstandes an Hand der Definitionen, wie sie Marx und Engels selbst formulierten. In einer der Va-rianten des Beginns des ersten Kapitels der "Deutschen Ideologie" bestimmen die Begründer des Marxismus den Gegenstand und die Bezeichnung der Wissenschaft, die sie erarbeiteten ganz eindeu-tig. Da dieses früher sehr populäre Zitat in der Literartur selten zu finden ist, bringe ich es hier voll-ständig: "Wir kennen nur eine Wissenschaft, die Wissenschaft der Geschichte", - so beginnen Marx und En-gels den Gegenstand ihrer Untersuchung zu definieren. - "Die Geschichte kann von zwei Seiten aus betrachtet werden, als … die Geschichte der Natur und die Geschichte der Menschen … Beide Sei-ten sind indes … nicht zu trennen; solange Menschen existieren, bedingen sich Geschichte der Natur und Geschichte der Menschen gegenseitig. Die Geschichte der Natur, die sogenannte Naturwissen-schaft, geht uns hier nicht an; auf die Geschichte der Menschen werden wir indes einzugehen haben, da fast die ganze Ideologie sich entweder auf eine verdrehte Auffassung dieser Geschichte oder auf eine gänzliche Abstraktion von ihr reduziert. Die Ideologie selbst (ist) nur eine Seite dieser Ge-schichte". (Marx/Engels, Gesamtausgabe. Marx-Engels-Verlag G.M.B.H. Berlin. 1932. Erste Abtei-lung, Bd.5. S.567-568. )
Dass der Gegenstand der Philosophie des Marxismus eindeutig die Geschichte der Menschheit ist, deren Gesetzmässigkeiten Marx erforschte und entdeckte, bestätigte Engels in seiner Rede am Gra-be von Marx: "Wie Darwin das Gesetz der Entwicklung der organischen Natur, so entdeckte Marx das Entwicklungsgesetz der menschlichen Geschichte..."(Karl Marx. Friedrich Engels. Werke.Dietz Verlag. Berlin. 1962. Bd.19, S.335)
Man kommt also nicht umhin, zu konstatieren, dass die Begründer des Marxismus ihre Theorie klipp und klar als eine materialistische Betrachtungsweise der Geschichte oder als materialistische Theo-rie der Geschichte bezeichnen und den Gegenstand ihrer Forschungen keineswegs unter den Tisch kehren.
Natürlich kann eine solche Definition des Gegenstandes des Marxismus zunächst etwas erstaunen, einfach deshalb, weil im Massenbewusstsein die Geschichtswissenschaft heute (aber auch schon zu Marx` Zeiten) nicht selten als eine mehr oder weniger interessante Beschreibung von Fakten aus der Vergangenheit wahrgenommen wird. Der jeweilige Historiker hat dann diese Begebenheiten und Er-eignisse, entsprechend seiner individuellen Vorstellungen und theoretischen Neigungen, für uns aus-gesucht und dargelegt. Das kann die Geschichte von Kriegen und Revolutionen, bedeutender oder wenig bekannter Dynastien, von Volksbewegungen u.s.w. sein. Bei einem solchen Herangehen wäre niemand in der Lage, die Gesamtgeschichte der Menschheit zu beschreiben. Keines Menschen Leben reichte für ein derartiges Unterfangen!
Doch Marx und Engels wählten als Untersuchungsgegenstand ausgerechnet die Geschichte der ge-samten Menschheit und diese beschäftigte sie in ihrer frühen Schaffenszeit besonders. Sie erfassten die allgemeinen, besonderen und partikularen Bewegungsgesetze des historischen Prozesses, erarbei-teten die allgemeine Methodologie des Erkennens der historischen Wirklichkeit. Auf jeder Ebene der Analyse, ausgedrückt in entsprechenden Kategorien, erschien der Gegenstand dabei in all seiner Komplexität, Ganzheitlichkeit. Wie gelang ihnen das?
Hier treffen wir wieder auf die Frage "Womit beginnen?" Mit welcher Kategorie sollte man die Ent-faltung der materialistischen Geschichtstheorie anpacken damit der Untersuchungsgegenstand bereits von Anfang an als Ganzes in Erscheinung tritt?
Ich muss hier anmerken, dass es in der sowjetischen philosophischen Literatur keine einheitliche Meinung über die Ausgangskategorie des historischen Materialismus gegeben hat. Wo soll also die Untersuchung zuerst ansetzen? Mit "Dingen", wie der Ware, die Marx z.B. im "Ka-pital", als Ausgangspunkt wählte? Mit der Tätigkeit als Ausdruck der sozialen Form der Bewegung? Mit dem Menschen? Mit der Gesellschaft und der Natur? Mit der Beantwortung der Frage nach dem Verhältnis von Sein und Bewusstsein? Man könnte unendlich lange darüber streiten, doch ist es bei Marx und Engels direkt nachzulesen, was ihrer Meinung nach der Ausgangspunkt ist. Es existieren dazu eindeutige Antworten der Be-gründer der marxistischen Theorie.
In seiner unvollendeten Handschrift zur Rezension des Buches "Zur Kritik der politischen Ökono-mie" charakterisierte Engels1859 die von Marx angewandte logische Untersuchungsmethode, die die Basis für die Bestimmung und Entwicklung der marxschen Beweisführung bildete, wie folgt: "Womit diese Geschichte anfängt, damit muss der Gedankengang ebenfalls anfangen, und sein wei-terer Fortgang wird nichts sein, als das Spiegelbild, in abstrakter und theoretisch konsequenter Form, des historischen Verlaufs; ein korrigiertes Spiegelbild, aber korrigiert nach Gesetzen, die der wirkli-che geschichtliche Verlauf selbst an die Hand gibt, indem jedes Moment auf dem Entwicklungspunkt seiner vollen Reife, seiner Klassizität betrachtet werden kann...Wir gehen bei dieser Methode aus von dem ersten und einfachsten Verhältnis, das uns historisch, faktisch vorliegt...".(Karl Marx. Friedrich.Engels. Werke. Dietz Verlag. Berlin. 1964 .Bd.13, S.475.) � Noch einmal verweise ich darauf, dass die Menschen das Erkennen der Gesetzmässigkeiten ihrer tatsächlichen Verhältnisse in Kategorien zum Ausdruck bringen. Hierzu meinte Marx: "Die Verhält-nisse werden...im Bewusstsein zu Begriffen..." (K.Marx. F.Engels. Werke, Dietz Verlag. 1958.Bd.3, S.539), was aber nicht ausschliesst, dass in der Politik, Jurisprudenz, Philosophie seitens der Men-schen, die in diesen Gebieten tätig sind, diese Verhältnisse auf den Kopf gestellt werden, was wie-derum von ihren eigenen Lebensverhältnissen abhängt.
Folglich lautet die Antwort auf die Frage "Womit muss die materialistische Geschichtstheorie be-ginnen?" wie folgt: Es muss unbedingt ein Ausgangsverhältnis (bzw. eine Kategorie, was letztend-lich ein und dasselbe ist) der Geschichtswissenschaft gefunden werden. Dieses muss alle originären Eigenschaften besitzen, die die Geschichte als praktischen Entwicklungsprozess der Menschheit in ihrer Gesamtheit kennzeichnen. Es muss den Geschichtsprozess in seinem gesamten Verlauf kenn-zeichnen. Gleichzeitig muss diese Ausgangskategorie das einfachste, ursprünglichste Verhältnis erfassen, je-nes, welches unmittelbar zu unseren Füssen liegt und das wir lediglich aufnehmen müssen. Es muss uns buchstäblich ins Auge stechen, unseren Möglichkeiten der Erkenntnis zugänglich sein, sich als selbstverständlich anbieten. Unsere Kategorie muss sich schliesslich als Ausgangspunkt, als Keim-zelle des auf oder aus ihr zu entwickelnden theoretischen Systems von Definitionen des Gegenstan-des unserer Untersuchung eignen.
Um die Tiefe dieses Gedankens zu verstehen, sollte man sich zunächst darüber klar werden, was un-ter dem o.g. Verhältnis verstanden werden soll, denn auch hier gab es in der sowjetischen marxisti-schen Philosophie keine einheitlichen Auffassungen.
Doch bei Marx und Engels werden wir auch diesmal fündig. Hier ist besonders anzumerken, dass es Marx und Engels bei dem Begriff Verhältnis um eine spezifisch menschliche Art und Weise der Wechselwirkung des Individuums mit der Welt ging, die die Lebenstätigkeit des Menschen von dem der Tiere grundlegend unterscheidet. Marx und Engels schrieben in der "Deutschen Ideologie" dazu: "...das Tier ‚verhält' sich zu Nichts und überhaupt nicht."(Karl Marx. Friedrich Engels. Werke.Dietz Verlag. Berlin. 1958. Bd.3, S.30) Mit anderen Worten: Das Tier macht sein Verhältnis mit der Natur und seiner "Gemeinschaft" nicht bewusst zum Gegenstand seiner Beziehungen, erfasst es nicht und verändert es nicht zielgerichtet nach seinen Vorstellungen.
Der Begriff "Verhältnis" dient Marx und Engels dazu, die grundlegende Spezifik der Wechselwir-kungen des Menschen mit der Welt zu unterstreichen, und um den Unterschied zu jenen wechselsei-tigen Verbindungen deutlich zu machen, die ohne Beteiligung des Menschen ablaufen.
Ein weiteres Problem, das man beachten sollte, ist die Tatsache, dass Engels uns eine sehr wichtige Definition der Methodologie (des Algorithmus) der Entfaltung der "Verhältnisse" hinterliess. Es handelt sich um die Dialektik, das ergänzende Zusammenspiel, von Logischem und Historischem im Erkenntnisprozess. (KarlMarx. Friedrich Engels. Werke.Dietz Verlag. Berlin. 1964. Bd.13, S.475)
Diese Methodologie stellt sich folgendermassen dar.
- Am Anfang steht das Erkennen des ersten und einfachsten Verhältnis`, welches historisch vor dem Betrachter liegt.
- Das gefundene einfachste Verhältnis muss dem Untersuchungsgegenstand entsprechen.
- Da die materialistische Geschichtswissenschaft nicht auf die politische Ökonomie reduziert werden kann, benötigt diese Theorie ein eigenes, ihrem Wesen entsprechendes, Ausgangs-verhältnis.
- Das gefundene einfachste Verhältnis der materialistischen Geschichtstheorie sollte tatsäch-lich wirklich existieren, und nicht Produkt unserer Einbildungskraft sein.
- Das ursprüngliche Ausgangsverhältnis besteht von Anfang an als Wechselverhältnis und wird daher auch nur als solches untersucht. Es hat mindestens zwei Seiten die in konkreter Art und Weise miteinander im Verhaeltnis stehen. Das Verhalten zueinander ist zu untersu-chen.
- Dazu wird "jede dieser Seiten für sich betrachtet; daraus geht hervor die Art ihres gegensei-tigen Wechselverhaltens." (ibidem)
- Eine solche Betrachtungsweise erlaubt es, den Charakter der Wechselwirkungen und der zwischen ihnen auftretenden Widersprüche zu erkennen, "die eine Lösung verlangen." (ibi-dem).
- Im Weiterem sollte erforscht werden, wie oder ob die Widersprüche der Seiten in der Praxis gelöst werden und wie oder ob sich ein neues Verhältnis, das Ergebnis dieser Lösung ist, gestaltet
- Danach wiederholt sich dieser Prozess in einem neuerlichen Kreis. Darin werden die ent-standenen neuen Verhältnisse vermittels ihrer Zerlegung in die ihnen eigenen Seiten analy-siert. Dies geschieht zunächst für jede der Seiten einzeln und dann in ihrer widersprüchli-chen Wechselwirkung. Auf diesem Wege werden auch mögliche und nicht mögliche Wege der Auflösung der ihnen innewohnenden Widersprüche aufgezeigt.
Damit nicht der Eindruck entsteht, dass diese Erkenntnismethode (Algorithmus) eine nachträgliche Interpretation der marxschen Methode durch Engels ist, lassen wir auch Marx selbst zu Wort kom-men. In den "Ökonomisch-philosophischen Manuskripten aus dem Jahre 1844" charakterisierte Karl Marx die allgemeine Methodologie der Bewegungsanalyse der Verhältnisse, von der er sich bei der Analy-se des Privateigentums leiten liess, als Verhältnis zwischen Arbeit und Kapital. (Marx/Engels "Klei-ne ökonomische Schriften". Sammelband .Buecherei des Marxismus-Leninismus. Dietz-Verlag. Ber-lin 1955. B.42 S. 119)
Wir verzichten auf das Zitieren des Originaltextes. Der Leser hat die Möglichkeit, selbst nachzu-schlagen. Ich möchte lediglich die Abfolge der Analyse aufzeigen, die die Bewegung der Verhältnis-se und ihrer Entwicklung sichtbar macht.
Marx skizziert diese wir folgt:
· Erstens gilt es, die "unmittelbare oder vermittelte Einheit beider" Glieder des Verhältnisses herauszuarbeiten. (ibidem) · Zweitens ist es notwendig den "Gegensatz beider" Glieder in ihrem Verhältnis zueinander klarzumachen. (ibidem) · Drittens gilt es "den Gegensatz jedes gegen sich selbst" erkennbar zu machen. (ibidem) · Viertens soll die Analyse der Bewegung der Verhältnisse die konträre Gegensätzlichkeit der Seiten aufzeigen, die zum "feindlichen wechselseitigen Gegensatz" (Marx) führt. Dieser Kon-flikt setzt über die Beseitigung der Widersprüche eine weitere Bewegung der Verhältnisse in Gang, und damit den Übergang in eine neue Qualität. Genauso sind eine Selbstzerstörung der Verhältnisse und das Entstehen völlig neuer, sich von den vorhergehenden wesentlich unter-scheidenden Verhältnissen möglich.
Schliesslich sei betont, dass die Verhältnisse an sich zunächst drei Seiten beinhalten: a) Den Prozess der Tätigkeit des Menschen, der sich als Verhalten äussert. (Beispiel: Ich und Du, wir verhalten uns gut zueinander). b) Die Ergebnisse dieser Tätigkeit (des Verhaltens) als erzeugte Verhältnisse. (Beispiel: Wir unterhalten zueinander gute Verhältnisse). c) Die Bedingungen unter denen sich ihre Tätigkeit (das Verhalten) vollzieht als bestimmende Verhältnisse . (Beispiel: Unsere guten Verhältnisse zueinander schaffen unser gutes Verhal-ten und umgekehrt). Die dabei immer wieder neu erzeugten Verhältnisse werden zur Bedingung für die Entwick-lung oder Zerstörungen bestehender Verhältnisse. Sie bestimmen den Charakter des Verhal-tens des Menschen.
Die dialektische Einheit des Verhaltens und der Verhältnisse lässt sich leicht anhand einer willkürli-chen Reihe menschlicher Verhaltensweisen, die Marx in den "Ökonomisch-philosophischen Manu-skripten aus dem Jahre 1844" aufzeigte, nachvollziehen: "Jedes seiner menschlichen Verhältnisse zur Welt, Sehen, Hören, Riechen, Schmecken,, Fühlen, Denken, Anschauen, Empfinden, Wollen, Tätigsein, Lieben..." (Marx/Engels. Kleine oekonomischen Schriften. Sammelband. Buecherei des Marxismus-Leninismus. Dietz Verlag. Berlin. 1955. B.42. S.131.) bilden sich im Prozess bestimmter Tätigkeiten, d.h. der Mensch sieht, hört, riecht, schmeckt, fühlt, denkt, betrachtet, ertastet, wünscht, handelt, liebt usw. Gleichzeitig entstehen dabei Rückwir-kungen in Form neuer Verhältnisse, die ebenfalls den Charakter seiner Verhaltensweise beeinflussen. Eine Liebe z.B. ist durch das Verhalten der Liebenden zueinander gekennzeichnet. Es entstehen zwi-schen ihnen bestimmte Verhältnisse, die die Liebenden beeinflusst. Diese Verhältnisse "zwingen" sie also, so zu lieben (sich zueinander zu verhalten) wie es ihre Liebesverhältnisse "diktieren" usw.
Die Definition des Verhaltens als Einheit von Verhalten und Verhältnis gestattet es, die innere Wi-dersprüchlichkeit menschlichen Verhaltens immer wieder zu entdecken. Hervorgerufen wird sie durch die Widersprüche zwischen den Verhältnissen in Form der Tätigkeit (des Verhaltens) des In-dividuums und den Verhältnissen als Resultat und Bedingung dieser Tätigkeit.
Unter bestimmten Bedingungen können diese Widersprüche einen solchen Charakter annehmen, dass die Verhältnisse als feindliche, über den Menschen stehende Macht auftreten und als solche auch empfunden werden. In diesem Fall wandeln sich die menschlichen Verhältnisse in unmenschli-che. Es ist für den Leser sicher nicht schwer, Beispiele dafür in unserer Wirklichkeit auszumachen.
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Часть 3
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Die menschlichen Verhältnisse zur Welt — der Ausgangspunkt der marxistischen Geschichtstheorie
Nach dem oben Gesagten geht es jetzt darum, in den Arbeiten von Marx und Engels den Ausgangspunkt der materialistischen Geschichtstheorie zu finden
Zunächst mag die Vielzahl der Möglichkeiten und Vorschläge, die dem aufgeklärten Leser dabei so-fort in den Sinn kommt, verwirren. Zumal wir bei Marx und Engels in den Arbeiten jener Periode, in der sie ihre erste grosse Entdeckung machten, keinen eindeutigen Hinweis darauf finden. In der "Deutschen Ideologie" gibt es einige Varianten für den methodologischen Voraussetzungen der Ge-schichtstheorie. Daraus erklären sich auch die unterschiedlichsten Herangehensweisen bei der Wie-dergabe der Marxschen Geschichtstheorie.
Aus allen in Betracht kommenden Definitionen des Ausgangspunktes der materialistischen Ge-schichtstheorie kann, auf dem abstraktesten Verallgemeinerungsniveau, m.E. die Kategorie "Menschliche Verhältnisse zur Welt" - von Marx und Engels 1844-46 umfassend erarbeitet - ver-wendet werden.
Die Verhältnisse der Menschen zur Welt sind die Ausgangsbedingungen für eine Gestaltung der Ge-schichte, denn ohne Verhältnisse zwischen Menschheit und Welt kann es überhaupt keine Geschich-te geben. Die menschlichen Verhältnisse zur Welt sind die Voraussetzung und das wirkliche Resultat der Menschheitsgeschichte. Sie existieren seit dem Beginn der Geschichte und werden sich so lange fortsetzen, so lange die Welt und die Menschheit existieren.
Der Begriff Welt ist derart alltäglich und so geläufig, dass er uns auf Schritt und Tritt begegnet. Auch aus dem Alltagsbewusstsein ist er nicht mehr fortzudenken. Wir treffen ihn, wenn wir uns bei-spielsweise über die grossen und kleinen Dummheiten dieser Welt erregen und spontan ausrufen "Diese Welt muss anders werden!"
Als Anfangspunkt der Theorie können somit die menschlichen Verhältnisse zur Welt als Selbstver-ständlichkeit postuliert werden, die keines besonderen Beweises bedürfen. Doch mit ihrem inneren Reichtum war Marx bestens vertraut. Ich erinnere daran, dass Marx zu dieser Zeit - 1844-1846 -bereits Wesentliches erkannt hatte: Die Rolle der Arbeit in der Geschichte der Menschheit und ihren entfremdeten Charakter, das Wesen des Privateigentums, die Produktion, Verkehr und Gesellschaft, die Wechselwirkung zwischen bürgerlicher Gesellschaft und Staat... Marx weiss um das Entstehen des gesellschaftlichen Bewusstseins. Er erkennt den Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit und die unmenschliche Art und Weise des Zusammenlebens der Menschen im Kapitalismus. Für ihn ist der Kommunismus eine Befreiung (Emanzipation) der gesamten Menschheit von den entmenschten Lebensverhältnissen. Heute wissen wir noch wesentlich mehr über die Verhältnisse der Menschen zur Welt, nicht zuletzt auf Grund der Entwicklung von Wissensgebieten, die es im 19. Jahrhundert noch nicht gab. Ausser-dem unterscheiden sich die Gegebenheiten des 21. Jahrhunderts kolossal von denen, die Marx sei-nerzeit antraf. Es genügt, daran zu erinnern, dass im 19. Jahrhundert kein einziger Krieg die Existenz der Menschheit in Frage stellen konnte. Heute gibt es genügend Mittel und Methoden, um die ge-samte Menschheit zu vernichten. Die menschlichen Verhältnisse zur Welt beinhalten heute ein sol-ches Gemenge sich auftürmender globaler Probleme, dass eine Verzögerung ihrer Lösung tatsächlich zur Selbstvernichtung der Menschheit führen kann. Dann kann es geschehen, dass keiner mehr da ist, um "Geschichte zu machen". Diese "Verhältnisse" sind derart aktuell, wie es noch nie in der Geschichte der Fall war. Wir erleben sie in einer weit fortgeschrittenen Entwicklungsphase als im 19 Jahrhundert. Das ist eine Vorausset-zung, sie zu begreifen und zu verstehen, ob und welche Möglichkeiten es gibt, diese Verhältnisse zu verändern. Diese Frage stellen sich heute Millionen von Menschen auf dieser Welt.
Folglich kann man davon ausgehen, dass die menschlichen Verhältnisse zur Welt den Gesamtge-genstand der Forschung, also die Geschichte der Menschheit, auf dem abstraktesten Niveau in seiner Komplexität erfassen Somit ist die Forderung an den methodologischen Ausgangspunkt der Theorie erfüllt, die den An-spruch auf Ganzheitlichkeit erhebt Die Ausgangsdefinition "Welt" Das weitere Definieren der menschlichen Verhältnisse zur Welt vollzieht sich vermittels des "Fin-dens" zweier allgemeiner Seiten der Welt, was zunächst durch eine Zweiteilung der Welt geschieht. In dieser Zergliederung stellt sich die Welt als die natürliche Welt und als die Menschenwelt dar.( K.Marx, F.Engels: Werke. Dietz Verlag. Berlin 1958. Bd.3. S.44.)
Somit ist dann die eine Seite menschlicher Verhältnisse zur Welt das Verhalten der Menschen zur Natur, die andere Seite ist das Verhalten der Menschen zu Menschen. (Siehe. Marx/Engels. Kleine ökonomische Schriften. Sammelband. Buecherei des Marxismus-Leninismus. Dietz-Verlag. Berlin. 1955. B.42. S.165-166) Den nächsten Analyseschritt stellte die Bestimmung des Verhaltens beider Seiten zu einander dar, was als Wechselwirkung beider sich gegenseitig bedingende Seiten herausgearbeitet wird. Das Verhältnis der Menschen zur Natur bestimmt das Verhältnis der Menschen zum Menschen, und umgekehrt, d.h., das Verhältnis zwischen den Menschen beeinflusst ihr Verhältnis zur Natur. (Siehe Karl Marx. Friedrich Engels. Werke. Dietz Verlag. Berlin. 1958. B.3.S.38.) Dabei findet jede Generation "ein historisch geschaffenes Verhältnis zur Natur und der Individuen zueinander...die jeder Generation von ihrer Vorgängerin überliefert wird..." (Ibidem.B.3.S.38), so dass diese Verhältnisse sich als historische Erscheinungen darstellen. Die vormarxsche Philosophie hat das Verhältnis der Menschen zur Natur aus ihren gedanklichen Konstruktionen überwiegend aus-geklammert(Siehe, Ibidem. B. 3 .S.39), so dass die Geschichte ausserhalb der Welt und über ihr, als etwas "Extra-Überweltliche(s) erscheint". (Ibidem. B.3 .S.39)
Bei der Bestimmung dieser zwei Seiten der menschlichen Verhältnisse zur Welt analysierten Marx und Engels in der "Deutschen Ideologie" jede der Seiten für sich. Sie benennen die jeder Seite inne-wohnenden Widersprüche: das sind die Widersprüche zwischen den Menschen und der Natur und die Widersprüche zwischen Menschen und Menschen. Diese Widersprüche verfolgen Marx und En-gels in allgemeinster Form bei der Definierung der allgemeinen Stufen der Geschichte.
Ursprünglich herrschte die Natur in einem solchen Mass über die Menschen, dass diese nur vermit-tels der Schaffung von Verhältnissen ihres Zusammenwirkens im Kampf mit den Naturgewalten, ü-berhaupt überleben konnten. Diese Periode bezeichnen Marx und Engels als "Barbarei". In dem Masse, in dem sich die Tätigkeit der Menschen gegenüber der sie umgebenden Natur histo-risch weiterentwickelte, entzog sich die Menschheit nach und nach der alles dominierenden Herr-schaft der Natur. Mit der Befreiung von der völligen Herrschaft der Natur über den Menschen errich-ten die Menschen nunmehr die Herrschaft der Menschen über die Menschen. Ihr Zusammenwirken wandelt sich ins Gegenteil, in ein Gegeneinanderwirken. Diese Verhältnisse kennzeichnen die Perio-de der "Zivilisation" (Sklaverei, Feudalismus, Kapitalismus).Die unmaenschlichen Verhaeltnisse zwischen den Menschen bestimmen ihre unmenschlichen Verhältnisse zur Natur. Das Entmenschte als Gegensatz zu dem Menschlichen wird so zum Hauptwiderspruch der Zivilisation.
Als direkte Schlussfolgerung der materialistischen Betrachtung der Geschichte ergibt sich die von Marx und Engels, auf diesem höchst abstrakten Niveau, formulierte Ausgangsbegründung eines notwendigen Übergangs der Menschheit zu einer anderen Entwicklungsstufe, zur menschlichen Ge-sellschaft, zum Kommunismus, der die "wahrhafte Auflösung des Widerstreites zwischen dem Men-schen mit der Natur und mit dem Menschen"... ist.(Marx/ Engels. Kleine ökonomische Schriften.. Sammelband. Buecherei des Marxismus-Leninismus. Dietz Verlag. Berlin.1955.B.42. S.127) Der Kommunismus ist für Marx und Engels jene Stufe der Menschheitsgeschichte, die an die Stelle der Zivilisationsperiode (Sklaverei, Feudalismus, Kapitalismus) tritt, indem sie deren ihnen inne-wohnenden Grundwidersprüche auflöst.
Ausgehend von dieser höchst abstrakten, verallgemeinerten Definition des Kommunismus, folgt, dass der erste Versuch des Aufbaus des Sozialismus, der mit der Oktoberrevolution begann, in Wirk-lichkeit niemals Kommunismus war, wie das bisweilen behauptet wird, und aus der Entwicklungs-stufe Zivilisation keineswegs herausfaellt. Die nach dem Sieg der Oktoberrevolution geschaffene Gesellschaft löste die globalen Widersprüche zwischen Mensch und Natur nicht, da sie die Vernich-tung der Natur aktiv fortsetzte. Sie löste auch nicht die globalen Probleme der Verhältnisse der Men-schen zueinander. Die Menschen fuhren fort, einander zu vernichten. Jossif Stalin meinte einmal: "Alle Wege führen zum Kommunismus". Die Praxis zeigte aber: Nein, bei weitem nicht alle! Einige führten unter scheinbar kommunistischen Losungen zu totalitären Zuständen und ins GULAG. Es gab bisher nirgends Kommunismus auf dieser Welt und heute wird es immer augenscheinlicher, dass die Menschheit sich immer noch mit den Widersprüchen zwischen Mensch und Natur und de-nen zwischen den Menschen herumplagt. Sie versinkt förmlich in einem Meer ungelöster globaler Probleme. Die Revolutionen des 20. Jahrhunderts haben die globalen Probleme der Menschheit nicht entwirrt. Sie harren nach wie vor ihrer "Befreiung", auch wenn man heute in der herrschenden Ideologie und im Massenbewusstsein die Notwendigkeit des Überganges zu einer neuen Entwicklungsstufe der Geschichte der Menschheit nicht als Bewegung zum Kommunismus bezeichnet. Die Ausgangsdefinition "Mensch" Die Welt ist gespalten und voll von Wiedersprüchen. Vielfältig gespalten ist auch der Mensch. Marx und Engels betrachteten beim Menschen, wie auch bei der Welt, zwei allgemeine Ausgangsseiten. In den "Ökonomisch-philosophischen Manuskripten aus dem Jahre 1844" bezeichnete Marx den Menschen als ein natürliches und gesellschaftliches Wesen. Der Mensch ist sowohl Bestandteil der Natur als auch der Gesellschaft. Der Mensch ist Natur (Karl Marx. Friedrich Engels. Werke.Dietz Verlag. Berlin. 1958. B.3.S.31) und der Mensch ist Gesellschaft. Marx bemerkte dazu: "…wie die Gesellschaft den Menschen als Menschen produziert, so ist sie durch ihn produziert." (Marx/Engels. Kleine ökonomische Schriften. Sammelband. Buecherei des Marxismus-Leninismus. Dietz Verlag. Berlin 1955.B.42 , S.129) Ausserhalb der Natur und ausserhalb der Gesellschaft gibt es im gesamten Verlauf der Geschichte keinen Menschen (keine Menschheit). Zwischen der natürlichen und der gesellschaftlichen Seiten der Menschen existieren Widersprüche, die zeitweilig eine solche Stärke erreichen, dass sie die Exis-tenz des Menschen (der Menschheit) bedrohen. Ein deutliches Beispiel für eine solche Art von Widersprüchen zwischen dem Menschlichen und dem Natürlichen im Menschen sind die Kriege, die den Menschen zwingen, seine natürliche Todesangst in eigenem, fremdem oder gesellschaftlichem Interesse zu überwinden. Kriege machen das Leben des Menschen unmenschlich. In der Gegenwart versucht die Menschheit bereits, Kriege aus ihrem Leben unbedingt auszuschliessen. Das ist ihr aber nicht gelungen. Es kommt immer wieder zu Kriegen. Auch in der Periode des sogenannten realen Sozialismus - oder, wie bereits gesagt, des "mutierten Sozialismus" (W.A.Buzgalin) - wurde ein solcher Anspruch nicht eingelöst. Von welcher Harmonie des Natürlichen und Gesellschaftlichen im Wesen des Menschen kann die Rede sein, wenn sich die Sowjetunion nicht aus Kriegen heraushalten konnte? Dabei ist die Aufhebung solcher Art Wider-sprüche zwischen den natürlichen und gesellschaftlichen Seiten des Menschen eine der Aufgaben des Kommunismus. Zu den heutigen globalen Problemen der Menschheit gehört auch der Widerspruch zwischen dem Hungertod von Millionen Menschen, während in den "reichen Ländern" die Menschen zunehmend an Krankheiten leiden, die infolge zu reichhaltiger Nahrungsaufnahme epidemische Dimensionen er-reichen. Sowohl der Tot aus Mangel an Nahrung als auch der Tot aus deren Überfluss sind gesell-schaftlich bedingt. Alle Versuche, diese erschütternde Diskrepanz zu lösen, sind bisher gescheitert. Auch im "realen Sozialismus" kam es in einigen Ländern zum ständigen Mangel an lebenswichtigen Nahrungsmitteln, ohne die der Mensch als natürliches Wesen nicht existieren kann. Und das soll Kommunismus gewesen sein? Ausserdem gab im "realen Sozialismus" vielfältige äussere und innere Bedingungen, die jene Ver-kehrsfreiheit einschränkten, die für den Mensch als gesellschaftliches Wesen so unabdingbar ist. Diese Aufzählung liesse sich zweifelsohne noch weiter fortsetzen. Das 70 Jahre lang existierende sowjetische System war keine kommunistische Gesellschaftsordnung. Deshalb geht der heutige, auf das ehemalige Sowjetrussland zielende Antikommunismus, fehl.
Marx und Engels bemerkten, dass der Mensch nicht nur als Ganzes, als natürliches und gesellschaft-liches Wesen, zwei gesellschaftliche und natürliche "Seiten" hat. Auch seine Organe, mit deren Hilfe er die Welt erfasst, sind "gespalten". So können z.B. die Augen des Individuums von Natur aus kurz-sichtig sein und diese Eigenschaft bestimmt die Grenzen der optischen Wahrnehmung der Schönhei-ten der Welt oder macht es ihm auch nur unmöglich, ein Auto zu führen. Doch damit nicht genug. Der Mensch des Mittelalters war nicht einmal in der Lage, die Schönheit der nackten Venus von Mi-let wahrzunehmen. Auf Grund der herrschenden ästhetischen Stereotype der mittelalterlichen Gesell-schaft musste die Statue dazu einen Umhang oder ein Feigenblatt tragen.
Die Sinnesorgane, mit deren Hilfe der Mensch die Welt wahrnimmt, sind dabei doppelt zweiseitig. Sie sind gleichzeitig sowohl individuell als auch gesellschaftlich. (Marx/Engels. Kleine oekonomi-schen Schriften Sammelband. Buecherei des Marxsismus-Leninismus. Dietz Verlag.1955. B.42.. S.151)
Die individuellen und gesellschaftlichen Sinnesorgane des Menschen zeigen sich im Weiteren auf einer neuen Verallgemeinerungsstufe in Form individueller und gesellschaftlicher Arbeitsinstrumen-te, individueller und gesellschaftlicher Verkehrsmittel usw. Auch das individuelle (private) und gesellschaftliche (kollektive) Eigentum sind Definitionen, die auf den Ausgangsseiten der Menschen "aufgebaut" sind. Im Entwicklungsprozess der gesellschaftlichen Aspekte und Elemente der Verhältnisse zur Welt entwickeln sich auch die individuellen Organe des Menschen. Durch die Entwicklung der Gesell-schaft entwickelt sich auch das Individuum und über die Entwicklung des Individuums entwickelt sich die Gesellschaft. Dieser Zusammenhang zwischen Individuen und Gesellschaft kennzeichnet das soziale Leben der Menschen. Daraus zog Marx eine beachtenswerte Schlussfolgerung. Er meint, dass "die soziale Geschichte der Menschen...stets nur die Geschichte ihrer individuellen Entwicklung ist, ob sie sich dessen bewusst sind oder nicht."(KarlMarx. Friedrich Engels. Werke. Dietz Ver-lag.Berlin. 1965. B.27. S.453) Der Einzelne tritt als Subjekt menschlicher Verhältnisse zur Welt in Erscheinung, ebenso wie die Gemeinschaft der Menschen, die als Gesellschaft organisiert ist.
Die Wechselwirkung zwischen dem Individuum und der Gesellschaft, die eine gegenseitige Stimu-lierung ergeben sollte, war im mutierten Sozialismus faktisch auf den Kopf gestellt. Es wurde das Primat der gesellschaftlichen Interessen vor den individuellen postuliert. Die Gesellschaft (in Gestalt des Staates) stand über dem Individuum. Ein solches Verhältnis ist - nach Marx und Engels - eben nur für die Periode der "Zivilisation" (Sklavenhaltergesellschaft, Feudalismus und Kapitalismus) charakteristisch und widerspricht dem Kommunismus. Der Kommunismus setzt eine harmonische Entwicklung des Individuums (eines jeden) und der Ge-sellschaft (aller) voraus. Das heisst, er baut sich auf solchen menschlichen sozialen Verhältnissen auf, bei denen die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist. Eine solche Wechselwirkung gab es im mutierten Sozialismus nicht und von einer kommunistischen Gesellschaft kann somit wieder keinesfalls die Rede sein. Die ideellen und materiellen Verhältnisse der Menschen zur Welt Wie oben bereits gesagt, unterscheiden sich die menschlichen Verhältnisse zur Welt, nach Marx und Engels, von denen der Tiere dadurch, dass der Mensch die Existenz dieser Verhältnisse begreift, während das Tier in dieser Hinsicht "bewusstlos" ist. Die Vorstellungen der Menschen von der Welt, ihre Ideen, Theorien über diese, schöpfen die Men-schen, wie Marx und Engels bemerkten, aus ihren eigenen Verhältnissen zu ihr. Im Bewusstsein der Menschen, welches in der Gesellschaft die Form von Moral, Recht, Religion, Politik usw. annimmt, "transformieren" sie ihre wirklichen Verhältnisse in Begriffe, d.h. in gedankliche, abstrakte Vorstel-lungen über konkrete Verhältnisse.(Marx/ Engels. Gesamtausgabe. Marx Engels Verlag G.M.B.H. Berlin. 1932 Erste Abteilung. B.5. S.536). Die in Begriffen widergespiegelte Welt zeigt sich in der ideellen Gestalt des menschlichen Bewusst-seins. Mit dieser ideellen Welt, die sich die Menschen geschaffen haben, entwickeln sie wiederum bestimmte Verhältnisse. Diese treten uns als ideelle (auf Ideen beruhende) menschliche Verhältnisse gegenüber und existieren real als Formen des Bewusstseins. Da die Welt der Natur und die Welt des Menschen unabhängig vom Erkenntnisstand oder dem Vor-handensein eines Begriffsapparates existieren, weil die Welt ausserhalb und unabhängig vom Be-wusstsein vorhanden ist, betonten Marx und Engels die Materialität der Welt, die Materialität sowohl der Welt der Natur als auch der Welt des Menschen.
Somit verhalten sich die Menschen in ihren Verhältnissen zur Welt auch noch auf zweierlei Art: a. ideell (entsprechend ihren Ideen, Vorstellungen, Irrtümern, Mythen, Theorien usw., indem sie sich ein Weltbild vermittels ihrer Begriffe aufbauen; b. materiell, durch ihre Wechselwirkung mit der Welt, unabhängig davon, inwieweit diese Welt wirklich erkannt worden ist, inwieweit sie sich im Bewusstsein der Menschen wiederspiegelt und inwieweit sich die Vorstellungen der Menschen von der Welt von deren wahren Wesen un-terscheiden.
Am Anfang der Menschheitsgeschichte waren die ideellen Beziehungen (das Bewusstsein) noch ein-gebettet in die materielle Tätigkeit. Der Mensch tat das "Seine", verhielt sich, ohne gross darüber nachzudenken. In dem Masse, wie sich eine Aufspaltung der ideellen und materiellen Tätigkeit der Menschen in verschiedene "Zweige" menschlicher Verhältnisse zur Welt abzeichnete, und dabei verschiedene Menschen in den Zweigen tätig wurden, wuchsen - nach Marx und Engels - die Vor-stellungen der Menschen über die tatsächliche, zweigeteilte materielle und ideelle Welt. Dement-sprechend teilte sich im Bewusstsein der Menschen das menschliche Leben in jenes im Diesseits (auf Erden) und das im Jenseits (im Himmel).
Es entwickeln sich jedoch auch noch die Vorstellungen der Menschen über die Rolle der Ideen als Triebkraft der Geschichte. Und schon scheint es, dass es ausreicht, die schlechten Ideen gegen gute auszutauschen, die bösen gegen gutartige, die teuflischen gegen göttliche um "das Himmelreich auf Erden" zu errichten. Man muss scheinbar nur den richtigen Ideen und ihren Propheten folgen, und man erhält endlich das erwünschte Resultat. Die Geschichte kennt unzählige Beispiele solcher "Retter der Menschheit". Sie berichtet vom tragi-schen Scheitern der "Heilsprediger" und deren Anhänger. Es zeigt sich in der Geschichte wieder und wieder eine bestimmte Kluft zwischen den von Menschen bewusst aufgestellten Zielen (dem Bewusstsein) und dem Ergebnis ihrer Tätigkeit, dem wirklichen, materiellem Prozess ihres Lebens (dem Sein). Engels schrieb dazu: "Die Menschen machen ihre Geschichte, wie diese auch immer ausfalle, indem jeder seine eigenen, bewusst gewollten Zwecke verfolgt, und die Resultate dieser vielen in verschie-denen Richtungen agierenden Willen und ihrer mannigfachen Einwirkung auf die Aussenwelt ist eben die Geschichte." ( Karl Marx.Friedrich Engels. Werke.Dietz Verlag. Berlin. 1962. B.21. S.297) Dabei zeigt sich: "Die Zwecke der Handlungen sind gewollt, aber die Resultate, die wirklich aus den Handlungen folgen, sind nicht gewollt, oder soweit sie dem gewollten Zweck zunächst zu entspre-chen scheinen, haben sie schliesslich ganz andere als die gewollten Folgen." (Ibidem B.21. S. 297) Es besteht ein Zwiespalt zwischen den Zielen menschlicher Tätigkeit, d. h. den idealen Vorstellun-gen über die Ergebnisse ihrer Tätigkeit und den wirklichen, materiellen Ergebnissen, d.h. der tatsäch-lichen, realen Menschheitsgeschichte. Das zeigt, aus dem Blickwinkel materialistischer Geschichts-auffassung, die Notwendigkeit, eine Antwort auf die Grundfrage der Geschichtsphilosophie zu ge-ben: Woher nehmen die Menschen ihre Ziele, "welche treibenden Kräfte wieder hinter diesen Be-weggründen stehen, welche geschichtlichen Ursachen es sind, die sich in den Köpfen der Handeln-den zu solchen Beweggründen umformen?" (Ibidem B.21. S.297)
Die Antwort liegt, jedenfalls im System der materialistischen Geschichtsphilosophie, auf der Hand: Die materiellen Verhältnisse der Menschheit zur Welt bestimmen deren ideelle Verhältnisse zu ihr. Das Sein bestimmt das Bewusstsein, das gesellschaftliche Sein bestimmt das gesellschaftliche Be-wusstsein. Die Ideen, die Vorstellungen, die Ziele menschlicher Tätigkeit liegen in den materiellen Verhältnis-sen der Menschen zur Welt begründet. Sie entstehen aus den materiellen Lebensbedingungen, in der materiellen Produktion, im materiellen Verkehr, kurz in den materiellen Verhältnissen der Menschen zur Natur und der Menschen untereinander. Sie finden ihren Ausdruck in der geistigen Tätigkeit, dem geistigen Austausch, in der Staatsideolo-gie, im Recht, in der Moral usw.
Die ideellen Verhältnisse der Menschen zur Welt stellen eine Reflexion ihrer materiellen Verhältnis-se dar. Deshalb haben die ideellen Verhältnisse, die Verhältnisse des Bewusstseins, die Ideen, die Vorstellungen, die Theorien, die die Menschheit in der Moral, im Recht, in der Religion, in der Poli-tik und anderen Ideologien ausdrückt, keine eigene Geschichte. (Siehe Karl . Marx. Friedrich Engels. Dietz Verlag. Berlin. 1958. Werke. B.3. S.26-27) Das heisst natürlich nicht, dass sie nicht auf den Menschen und sein Verhältnis zur Welt zurückwir-ken.
Auf jeder Stufe der Geschichte finden die Menschen einerseits "ein materielles Resultat... ein histo-risch geschaffenes Verhältnis zur Natur und der Individuen zueinander...die jeder Generation von ih-rer Vorgängerin überliefert wird ... vor", welches ihre historischen Verhältnisse zur Welt bestimmt. (Karl Marx. Friedrich Engels. Werke. Dietz Verlag. Berlin. 1958. B.3.S.38) Andererseits reproduziert und verändert jede neue Generation die historischen Verhältnisse der Men-schen zur Natur und der Menschen zueinander und schafft neue materielle Verhältnisse und neue materielle Gegebenheiten für die kommenden Generationen. Jedes vorherige und gegenwärtige materielle Resultat der geschichtlich ablaufenden Verhältnisse der Menschen zur Natur und der Menschen zueinander bestimmt die Möglichkeit und die Wirklichkeit der konkret-historischen Entwicklung ihrer menschlichen Verhältnisse zur Welt. So verhält es sich auch mit der Widerspiegelung der Entwicklungsgesetze in Form von Begriffen und Theorien, sowie den Möglichkeiten der Überwindung der entmenschlichten Verhältnisse der Menschen zur Welt.
Aus dieser Sicht muss unterstrichen werden, dass der Kommunismus bei Marx und Engels sich eben-falls als materielles Resultat der vorherigen Entwicklung der Geschichte der Menschheit darstellt. Er ist "nicht ein Zustand, der hergestellt werden soll, ein Ideal, wonach die Wirklichkeit sich zu richten haben (wird)" sondern "...eine wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt." (Karl Marx. Fridrich Engels. Werke. Dietz Verlag. Berlin. 1958. B.3. S.35) Der Kommunismus ist eine durchaus materielle Tätigkeit, in deren Verlauf die in der Wirklichkeit vorhandenen Widersprüche gelöst und neue materielle Verhältnisse der Menschheit zur Welt ge-schaffen werden. Damit einhergehend entstehen auch neue Vorstellungen und Ideen über die Men-schen und die Welt (Bewusstsein, Recht, Moral usw.), die diesen neuen materiellen menschlichen Verhältnissen entsprechen. Daraus abgeleitet zeigt sich der Kommunismus in der materialistischen Geschichtstheorie als eine Bewegung zur nächsten Etappe der historischen Entwicklung der Menschheit. "Der Kommunismus ist als Position die Negation der Negation, darum das wirkliche , für die nächste geschichtliche Entwicklung notwendige Moment der menschlichen Emanzipation....Der Kommunis-mus ist die notwendige Gestalt und das energische Prinzip der nächsten Zukunft, aber der Kommu-nismus ist nicht als solcher das Ziel der menschlichen Entwicklung - die Gestalt der menschlichen Gesellschaft" schreibt Marx. (Marx/ Engels. Kleine ökonomische Schriften. Sammelband. Buecherei des Marxismus- Leninismus.Dietz Verlag. Berlin.1955. B.42 .S.140). Diese neue Entwicklungsstufe hat die Befreiung der Menschen von ihren bisherigen entmenschlich-ten Verhältnissen zur Welt, die von den Menschen selbst geschaffenen wurden, zum Inhalt.
Ich vermute, dass die meisten Revolutionäre zu Beginn des 20. Jahrhunderts den Kommunismus hauptsächlich als Ziel, als eine Idee begriffen haben. Als ein von Marx entdecktes ideales Gesell-schaftsmodell, das durch politische Gewalt, und nur so, verwirklicht werden konnte, ja verwirklicht werden musste. Die materielle Bereitschaft (Reife) der Menschheit, diese Gewalt zu akzeptieren, wurde aus den bereits existierenden Widersprüchen zwischen den Produktivkräften und den Produk-tionsverhältnissen, die dazu auch noch recht einseitig betrachtet wurden, abgeleitet. Im Proletariat sah man das Subjekt der anstehenden grundlegenden Umwälzung. Das erschien offenbar als ausrei-chend. Diese Ausgangsprämisse versagte jedoch in der Praxis der Oktoberrevolution. Russland konnte sich und die übrige Menschheit nicht in eine neue Gesellschaftsordnung hineinführen. Deshalb ging Le-nin einen Schritt zurück Das Land realisierte die "Neue Ökonomische Politik" (NÖP). Diese sollte, nach Lenins grundlegender Überzeugung, eine ernsthafte und für einen langen Zeitraum geltende Option sein.
Stalin und sein Gefolge jedoch kamen zu einem anderen Schluss. Aus Ungeduld oder geleitet vom "heiligen Glauben an die eherne Idee des Marxismus", so wie sie ihn verstanden, vielleicht auch aus imperialen Ambitionen (so z.B. der Historiker Edward Radzinskij) oder aus anderen Gründen bra-chen sie die NÖP abrupt ab. Von nun an stand die Idee, nicht aber der wirkliche Zustand der Ge-samtheit der materiellen Verhältnisse der Produktion, des Verkehrs, der Gesellschaft u.a über allem. Im bedingungslosen Glauben an die Kraft der Idee, in ihrer götzenhaften Anbetung, kann man eine der Ursachen für den Totalitarismus, nicht nur in der Sowjetunion, finden. Nach meiner Auffassung ist das auch einer der Gründe für die geradezu inquisitorische Verfolgung und für die nicht nur psychologische Folter von Parteimitgliedern durch die eigenen Genossen. Das geschah nicht zuletzt unter der Losung der Überprüfung ihrer Treue zu den Ideen des Kommunis-mus. Diese unseligen Zustände erlebten während der bekannten Säuberungen und Repressalien 1937-38 einen traurigen Höhepunkt. Dabei klang die Losung, "Wer nicht mit uns ist, ist gegen uns", unheilverkündend immer mit.
Der Gedanke, dass der Kommunismus keine Idee, sondern eine materielle, historische Vorwärtsbe-wegung der Menschheit ist, in deren Verlauf die Menschen bereits schon innerhalb der kapitalisti-schen Gesellschaft materiell neue menschliche Verhältnisse aufbauen, die sie dabei häufig selbst nicht als kommunistische begreifen können, wäre damals als Opportunismus höchsten Grades er-schienen. Manchem erscheint dieser Gedanke auch heute noch als Verrat an der Idee einer kommu-nistischen Revolution. Den ersten Versuch einer Vergewaltigung der Geschichte im Namen des Kommunismus haben wir aber bereits erlebt, und wissen womit er endete. Daran gibt es nichts zu deuteln. Wie soll man in der heutigen, von globalen Problemen zerrissenen Welt die tatsächliche, materielle Vorwärtsbewegung zum Kommunismus verstehen? Ist sie real oder existiert sie nur im Geiste, in Form neuer Utopien über eine herrliche Zukunft der Menschheit?
Marx würde uns den dringenden Rat geben: "Sucht in der Wirklichkeit!" Also schauen wir uns in der heutigen Realität doch einmal unvoreingenommen um. Da entdecken wir, dass neben einer Unmenge unmenschlicher Zustände, innerhalb unserer schrecklichen Welt schon eine Menge menschlicher Verhältnisse existieren: es gibt sie in den Familien, in mancher Genossenschaft und in einigen Kleinbetrieben, in gesellschaftlichen Organisationen, die Wissen verbreiten, die Kultur pflegen, für eine gesunde Lebensweise eintreten, sich um Behinderte kümmern usw. Natürlich wird kaum einer der auf diese Art Tätigen seine Arbeit als eine kommunistische bezeichnen, zumal diese Bezeich-nung schon oft genug diffamiert, ja kriminalisiert worden ist. Doch auch die Gründer der ersten Manufakturen im fernen 17. Jahrhundert haben sicher nicht er-kannt, dass sie mit der Organisation einer zentralisierten Produktion den Grundstein für die kapitalis-tische Gesellschaftsordnung legten.
Die ersten Kapitalisten waren noch gezwungen, sich auf vielfältige Art und Weise mit der Herrschaft der Feudalherren zu arrangieren, sich anzupassen und gar mit ihr zu verbünden. Sie selbst lebten da-bei jedoch bewusst nach ihren eigenen Bedürfnissen, ihren eigenen Vorstellungen über Gut und Bö-se, ungeachtet der Tatsache, dass die sie umgebende Welt (noch) ganz anders war. Diese Menschen schufen bereits innerhalb der alten Ordnung eine menschlichere Gesellschaft, entsprechend ihren Vorstellungen über Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, die ihren materiellen Interessen und ih-rer neuen Lebensweise entsprachen. Dass die heutige Realität diesen ursprünglichen idealen Vorstel-lungen nur entfernt, rudimentär, entspricht, steht auf einem anderen Blatt. Obwohl es den Menschen, im Gegensatz zum Tier, eigen ist, ihre Tätigkeit mit einem bestimmten Ziel zu verrichten, und dieses Ziel zuweilen in Form einer grossen Idee, als wissenschaftliche Theo-rie, als Modell einer grossen Zukunft zum Ausdruck gebracht wird, sei festgestellt, dass nicht die Ideen die Welt bewegen. Zwischen der Idee und der Wirklichkeit klafft immer eine Lücke, und durch diese Lücke zwängt sich die unerbittliche Wahrheit: Nie erreichen die Menschen hundertpro-zentig das, was ihrer Idee, ihrem Ideal entspricht. Darin besteht einer der wesentlichsten Widersprü-che menschlicher Verhältnisse zur Welt.
Die Widersprüche zwischen den ideellen und den materiellen Verhältnissen der Menschheit zur Welt bestanden schon immer. Sie bleiben auf Grund der ständigen Bewegung der Welt und der ständigen Bewegung des menschlichen Verhaltens zur Welt auch immer bestehen. In der gegensätzlichen Einheit materieller und ideeller menschlicher Verhältnisse zur Welt verbirgt sich eine Art Perpetuum mobile der Menschheitsgeschichte. Mittels der praktischen, die Welt verän-dernden Tätigkeit, lösen die Menschen die Widersprüche zwischen ihren Ideen und der Realität, um kurz danach die Auferstehung neuer Widersprüche festzustellen, die wie Phönix aus der Asche im neuen Gewand, aber unübersehbar, erscheinen.
Eben dieses Rätsel der Geschichte versuchten Marx und Engels zu lösen, indem sie immer tiefer in die Spezifik menschlicher Verhältnisse zur Welt vordrangen. So entstand die Frage nach dem allgemeinen Mechanismus menschlichen Verhaltens. Wie verändert die Menschheit die Welt - die Welt der Natur und die Welt des Menschen?
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Часть 4
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**Wie entstehen neue, menschliche Verhältnisse? **
Wesentliche Seiten menschlicher Tätigkeiten
Marx und Engels definierten die Verhältnisse der Menschen zur Natur als "Bearbeitung der Natur durch Menschen" und die andere Seite der menschlichen Verhältnisse zur Welt als "die Bearbeitung der Menschen durch Menschen" ( Karl Marx. Friedrich Engels. Werke. Dietz Verlag.Berlin. 1958. B.3.S.36)
Die Bearbeitung der Natur durch die Menschen und die Bearbeitung der Menschen durch Menschen stellen die abstrakteste und allgemeinste Beschreibung zweier Seiten der menschlichen Tätigkeiten im Geschichtsprozess dar. Vermittels dieser Art Einwirkung auf die Welt verändern die Menschen die Natur und die Menschen (andere und sich selbst). Die Menschen verändern dementsprechend auch ihre Verhältnisse zur Natur und zu den Menschen. Die menschlichen Verhältnisse zur Welt verändern sich unablässig im ständigen Prozess der "Bearbeitung" der Natur und der Menschen.
Die menschliche Bearbeitung der Natur und die Bearbeitung der Menschen durch Menschen erfolgt jeweils in der Einheit und der Gegensätzlichkeit dreifacher allgemeiner Arten menschlicher Tätigkei-ten, wobei jede von den dreien selbst zweiseitig ist. Das sind:
a) die Einheit und Widersprüchlichkeit des Verhaltens des Menschen zum Gegenstand und umgekehrt, des gegenständlichen Verhaltens des Gegenstandes zum Menschen. (Siehe Marx/ Engels. Kleine oekonomische Schriften.Sammelband. Buecherei des Marxismus-Leninismus. Dietz Verlag.1955. B.42. S.131, 133). Mit anderen Worten sind das Tätigkeiten der Menschen, die auf die natürlichen und gesell-schaftlichen Gegenstände der Welt gerichtet sind und die Tätigkeiten der Menschen die von den Wirkungen der natürlichen und gesellschaftlichen Gegenstände der Welt auf die Men-schen hervorgerufen ausgelöst werden; b) die Einheit und Widersprüchlichkeit der Aneignung (Siehe. Ibidem.B.42. S.131) der natürlichen und gesellschaftlichen Gegenstände der Welt durch den Menschen und der Äusserung (Siehe .Ibidem.B.42. S 166) des Verhältnis` der Menschen zu den Gegenständen der Welt; c) Die Einheit und Widersprüchlichkeit der Tätigkeiten der Menschen, die auf die natürlichen und gesellschaftlichen Gegenstände der Welt gerichtet sind und der Betätigung dieser Gegenstände an den Tätigkeiten der Menschen; (Siehe Ibidem,B.42 S.131)
Vermittels dieser Dreieinigkeit zeigt Marx, auf dem abstraktesten, allgemeinsten Niveau das umges-taltende Wesen der menschlichen Tätigkeiten, des menschlichen Verhaltens zur Welt. Bei der Verwirklichung dieser drei skizzierten Seiten menschlicher Tätigkeiten, die alle auch einen Doppelcharakter besitzen, entsteht auf jeder Seite und zwischen ihnen immer eine "Lücke", eine bestimmte "Kluft" zwischen Tätigkeit und Ergebnissen der Tätigkeiten. Dieser Widerspruch zwingt den Men-schen in seiner praktischen Tätigkeit immer wieder, eine neue "Spirale" dieser Tätigkeiten zu begin-nen, um die bestehenden Widersprüche zu überwinden. (Siehe dazu: Шелике И.Ф. Что такое любовь? Москва. "Варяг" 1997. Глава: "Любовь как человеческое отношение к миру". С. 123-141)
Im Rahmen dieses Artikels habe ich lediglich die Möglichkeit, an das Vorhandensein dieser Gedan-ken im Fundus der materialistischen Geschichtstheorie zu erinnern. Das sind Ideen von aussergewöhnlicher philosophischer Tiefe, die auf dem abstraktesten Niveau nicht nur die Moeglichkeit der Entfremdung des Menschen von seiner eigenen Tätigkeit aufzeigen. Auch die Entfremdung des Menschen gegenüber der Natur und der Gesellschaft wahrend der Vorgeschichte der Menschheit, was laut Marx die Epochen der Barbarei und Zivilation einschliest, wird offengelegt. Es wird aufgezeigt, wie sich der ganzheitliche Mensch in einen "Teilmenschen" verwandelt, wie sich die schöpferische Tätigkeit in eine zerstörerische wendet, wie sich die menschlichen Verhältnisse zur Welt in unmenschliche verkehren und eine "verkehrte Welt" entsteht. ( Ueber menschliche Verhaeltnisse zur Welt siehe . Шелике В.Ф. Исходные основания материалистического пониманиss истории. "Илим". Фрунзе. 1991. Стр. 5-64)
Die menschlichen Verhältnisse zur Welt drücken, in abstraktester Form, die allgemeinen Gesetz-mässigkeiten aller menschlichen Verhaltungsweisen aus.
Die Wirklichkeit
Diese allgemeinen Gesetzmässigkeiten erklären jedoch nicht die Besonderheiten ihrer Erscheinung in der historischen Wirklichkeit. Deshalb ist es erforderlich, von den allgemeinen Definitionen der menschlichen Verhältnisse zur Welt zu den allgemeinen Begriffsbestimmungen hinsichtlich der historischen Wirklichkeit zu kom-men. Dies haben Karl Marx und Friedrich Engels beim Übergang zu einer neuen Kategorienreihe vollzogen.
An den Anfang der neuen Kategorienreihe stellen Marx und Engels wieder Voraussetzungen, die als die einfachsten Verhältnisse dargestellt werden können. Also jene, die augenscheinlich vor uns lie-gen, und "von denen man sich nur in der Einbildung abstrahieren kann". ( Karl Marx. Friedrich Engels. Werke.Dietz Verlag.Berlin 1958 B.3.S.20.)
Das sind drei Voraussetzungen: 1)"die wirklichen Individuen", 2) die "Aktion" der Individuen;� 3) die "materiellen Lebensbedingungen" der Individuen, "sowohl die vorgefundenen, wie die durch ihre eigene Aktion erzeugten". (Ibidem. B.3.S.20)
Jede Seite dieser "Ausgangszelle" der marxistischen Geschichtstheorie wird zunächst für sich betrachtet und definiert. Dann werden ihr Zusammenwirken untersucht und die ihnen eigenen Wider-sprüche aufgedeckt. Diese Kategorienreihe nimmt die Gesamtheit der o.g. Ausgangsdefinitionen der menschlichen Verhältnisse zur Welt in sich auf. Denn die Individuen sind natürliche und gesellschaftliche Wesen. Ihre Handlungsaktionen sind auf die Natur und die Gesellschaft (mit der entsprechenden Rückwirkung) gerichtet. Die materiellen Lebensbedingungen sind ebenfalls von der Natur und von der Gesellschaft vorgegeben (mit der Rückwirkung auf die Individuen) und werden von ihnen verändert.
Ich verweise auf den Dualismus der Ausgangsdefinition der Individuen als "wirkliche". (Ibidem B.3. S.20) Ihre Aktionen, ihre Tätigkeit treten uns als wirken gegenüber. (Siehe Karl Marx. Friedrich Engels. Werke. Dietz Verlag. 1958. B.3. s.24 ) Wer Marx im deutschen Original liest, der erkennt sofort, dass mit dem Wirken die Einheit von Schaffen und Schein gemeint ist. Das deutsche Wort "wirken" bedeutet sowohl arbeiten als auch schöpfen; aber auch den Anschein haben. Die Individuen zeigen sich uns einerseits durch ihre schöpferische, schaffende Seite. Andererseits zeigen sie sich so, wie sie sich selbst sehen oder von anderen gesehen werden. Somit sind ihre Taten gleichzeitig Schöpfertum und Schein ("Theater"), gewissermassen "gespaltene Handlungen". So ist bereits in der Ausgangsdefinition der Individuen, wenngleich versteckt und schemenhaft, sichtbar, dass dem Menschen von Anfang an sowohl Ideelles als auch Materielles eigen ist. So hat auch die Tätigkeit der Menschen im Geschichtsprozess sowohl materielle als auch ideelle Seiten, wie auch ihr Leben selbst. Die Lebensverhältnisse existieren als materielle Verhältnisse. Diese findet der Mensch vor und sie existieren unabhängig vom Bewusstsein. Sie werden im Prozess der Tätigkeit des Bewusstseins der Individuen zu Begriffen, zu ideellen Ver-hältnissen umgestaltet. Die Wirklichkeit erscheint somit in der Einheit und Widersprüchlichkeit des Wirklichen und des Scheinbaren, wobei das Scheinbare mit der Wirklichkeit verflochten ist. (Aus-fuerlicher siehe: Шелике В.Ф. Исхоäные посылки материалистического пониманиss истории в работе Маркса и Энгелüса "Немецкая идеология"". - Философские науки. Научные доклады высшей школы. М.1981. №3ю С.46-56)
Die genannten drei Grundvoraussetzungen der historischen Wirklichkeit sind wie grundlegende ganzheitliche "Zellen""oder "Keime" der sich aus ihnen entwickelnden Wirklichkeit und der Defini-tion der Begriffe der Erkennungstheorie dieser Wirklichkeit. Mit anderen Worten: Diese dreiseitige "Zelle" enthält in sich gewissermassen den genetischen Code, der in jedem wichtigem Begriff enthalten ist und bleibt. Bei der Begriffsdefinition wird das in ihm angelegte Programm umgesetzt. Somit wird auf dem jeweiligen Analyseniveau die dazugehörige spezifische Definition ganzheitlich erarbeitet.
Produktivkräfte, Kommunistische Revolution und soziale Tätigkeit
Auf der Grundlage der Dreieinigkeit des Ausgangsveraeltnisses der Wirklichkeit erarbeiteten Marx und Engels z.B. die Ausgangsdefinition der Produktivkräfte. ( Siehe: Шелике В.Ф. Определение К.Марксом и Ф.Энгельсом производителüных сил в работе "Немецкая идеология". - Сборник научных трудов "К.Маркс и Ф.Энгельс о вопросах социальной диалектики." -Фрунзе. 1983.С.31-39)
Die Produktivkräfte erscheinen: a. als Kräfte wirklicher Individuen (als natürliche und gesellschaftliche); b. als Kräfte ihrer auf die Natur und die Gesellschaft gerichteten Tätigkeiten und als Kräfte de-ren Rückwirkungen; c. als Kräfte, die in den vergangenen und gegenwärtigen materiellen Lebensbedingungen (der Natur und der Gesellschaft) akkumuliert waren und werden.
Gleichzeitig verwandeln sich die Produktivkräfte unter bestimmten Bedingungen in Destruktivkraef-te (Karl Marx. Friedrich Engels. Werke. Dietz Verlag. Berlin 1958 . B.3. S. 69): a. für die wirklichen Individuen; b. für deren Tätigkeit; c. für die natürlichen und gesellschaftlichen materiellen Lebensbedingungen der Individuen.
Die Verwandlung der Produktivkräfte in zerstörerische Kräfte stellt eine Quelle der Entfremdung des menschlichen Lebens dar.
Auf diesem neuen Niveau der Verallgemeinerung erklärten Marx und Engels die kommunistische Revolution als eine wirkliche Revolution, in deren Verlauf:
a. sich die wirklichen Individuen veraendern; (Siehe Karl Marx. Fridrich Engels. Werke. Dietz Verlag. Berlin. 1958.. B.3.S.70) b. die Menschen den Charakter ihrer Tätigkeit verändern; (Siehe Ibidem.B.3. S.69) c. sie ihre materiellen Lebensverhältnisse veraendern; (Siehe Ibidem.B.3. S.70)
Darüber hinaus definierten Marx und Engels in der Arbeit "Die deutsche Ideologie" den allgemeinen Inhalt sozialer Tätigkeit der Menschen. Diese Definitionen sind eine Art "Entschlüsselung", Konkre-tisierung dessen, was Marx und Engels anfänglich unter den Aktionen und generell unter Tätigkeit verstanden. Die soziale Tätigkeit existiert bereits seit den Anfängen der Geschichte bis zum heutigen Tag. Sie zeigt sich als dreiseitiges Verhältnis, wobei jede Seite wiederum zweiseitig ist. Das Gemeinsame aller drei Seiten der sozialen Tätigkeit besteht darin, dass jede Tätigkeit der drei Seiten der Befriedi-gung der menschlichen Lebensbedürfnisse dient. Diese Befriedigung wird von den Menschen durch drei Aktionen verwirklicht: a. durch das Erzeugen von Lebensmitteln; b. durch das Erzeugen von Werkzeugen für die Befriedigung der Lebensbedürfnisse und damit einhergehend das Erzeugen neuer Bedürfnisse; c. durch das Erzeugen von Menschen und das Erzeugen sozialer Verhaeltnisse zwischen den Menschen. ( Siehe: Karl Marx.Friedrich Engels.. Werke. Dietz Verlag. Berlin. 1958. B.3.S.28-29)
All das geschieht, ich wiederhole es ausdrücklich, im Interesse der Befriedigung der individuellen, sowohl natürlichen als auch gesellschaftlichen, Lebensbedürfnisse der Menschen. Auf dieser Linie verläuft wiederum ein Unterschied zwischen Mensch und Tier. Beide befriedigen ihre Lebensbedürfnisse; sie nehmen Nahrung zu sich, trinken und pflanzen sich fort. Doch im Unter-schied zum Tier erzeugt der Mensch seine Mittel zum Leben selbst und findet diese nicht nur in der Natur vor. Der Mensch schafft sich seine Werkzeuge und entnimmt diese nicht einfach der Natur. Der Mensch gestaltet seine sozialen Beziehungen und erfasst diese auf abstraktem, theoretischem Niveau, wozu ein Tier nicht in der Lage ist. Der Mensch verändert diese Beziehungen zielgerichtet, was das Tier nicht kann.
Die Ausgangsdefinitionen der sozialen Tätigkeit basieren auf realen Voraussetzungen, die ihrerseits die Ausgangsdefinitionen des menschlichen Verhältnisses zur Welt beinhalten und demensprechend widersprüchlich sind: a. die Menschen erzeugen nicht nur materielle und geistige Mittel zum Leben, sondern schaffen selbst auch Mittel zum Sterben; b. die von den Menschen erzeugten neue Bedürfnisse und die Werkzeuge zu ihrer Befriedigung können sowohl menschlich als auch entmenschlicht sein; c. die Menschen zeugen nicht nur, sondern töten auch Menschen, ihre sozialen Verhältnisse verwandeln sich dabei in asoziale.
Auf dieser Ebene der Analyse bestimmen Marx und Engels den allgemeinen Inhalt sozialer Revolu-tionen. Soziale Revolutionen erwachsen aus der Vielfalt der konkret-historischen Widersprüche der gesamten sozialen Tätigkeiten der Menschen und sind dazu berufen, die Gesamtheit der sozialen Probleme der Menschheit zu lösen Alle dem Kommunismus vorangegangenen sozialen Revolutionen waren jedoch nur Teilrevolutio-nen, da sie gleichzeitig mit der Vernichtung einer Form der Entmenschlichung des Lebens der Men-schen und dem Aufbau neuer menschlicher Verhältnisse immer wieder auch neue entmenschlichten Lebensverhältnisse schufen. Die Menschheit hat noch nie ihr wirklich soziales Leben gelebt!
Im Unterschied zu den sozialen Revolutionen der Vergangenheit ist die kommunistische Revolution umfassend, ganzheitlich. Sie verwirklicht den Übergang der Menschheit zu einem wirklich sozialen Leben. Die kommunistische Revolution kann nicht einen einmaligen revolutionären Akt erfolgen und nicht in den Grenzen nur eines Landes siegreich sein. Sie ist eine Weltbewegung. Die Kommu-nistische Revolution umfasst eine ganze Epoche, die inhaltlich unterschiedliche Revolutionen bein-haltet. In ihrem vielschichtigen Verlauf loesen die Menschen die globalen Probleme ihrer ent-menschten Verhaeltnisse und die Entmenschlichung des Lebens wird weltweit beseitigt. ( Siehe: Шелике В.Ф. К.Маркс и Ф. Энгельс об источниках социальной революции (по работам 1844-46ггю). "Проблемы теории революции и истории революционной мысли". Ученые записки Тартуского государственного университета. Труды по философии. Такту. 1986. С.9-19)
Produktion, Verkehr und Gesellschaft.
Die ursprünglichen und grundlegenden Seiten menschlicher sozialer Tätigkeit erhalten schliesslich eine neue, weitaus konkretere Definition mittels der Kategorientriade: Produktion, Verkehr, Ge-sellschaft. Diese Begriffsreihe vereint den gesamten Reichtum vorhergehender Definitionen menschlicher Verhältnisse zur Welt und dringt in die Tiefe des Wesens dieser ein.
Ursprünglich wird die Produktion als die Produktion des Lebens der Menschen bezeichnet, die sich über drei allgemeine Seiten entfaltet: a. als die Produktion der Menschen (in ihrem natürlichen und gesellschaftlichen Eigenschaften und Wesen); b. als die Produktion von Lebensmitteln (in ihrer natürlichen und gesellschaftlichen Bestimmtheit); c. als die Produktion materieller Lebensbedingungen (sowohl natürlicher als auch gesellschaftlicher); (Siehe: Шелике В.Ф. Некоторые аспекты марксистской методологии определения философской категории "производство". - "Общественное производство: социальная природа и сущность. - Препринты докладов всесоюзного координационного совещания "Социально-философские проблемы исторического материализма Института философии АН СССР., М., 1982)
Im Unterschied zu der alles umfassenden sozialen Taetigkeit erfasst die Ausgangsdefinition der Pro-duktion nur die Erzeugungstätigkeit, das schaffende Wesen der () sozialen Tätigkeit der Menschen. Dabei wird die Aktion der Bedürfnisbefriedigung, die sowohl Menschen als auch Tier kennzeichnen, zunächst nicht mit erfasst. Der Verkehr wird ursächlich als Bewegung der Produktion zwischen den Menschen, als ihre Zirku-lation, ihr "Vertrieb" , ihre Umverteilung, ihr Austausch verstanden. Auch der Austausch von Gefüh-len im menschlichen Akt der Fortpflanzung und der Raub von Guetern waehrend eines Krieges werden hiermit erfasst. Im Verkehr können zum Beispiel folgende Elemente auftreten: a. die Menschen , welche miteinander verkehren; b. die Lebensmittel, darunter auch die Verkehrsmittel, vermittels derer die Ergebnisse der Pro-duktion zirkulieren, verteilt, getauscht, geraubt, verschenkt u.s.w. werden c. die materiellen Lebensbedingungen die die Menschen einander geben oder wegnehmen. (Siehe: Шелике И.Ф. Объем и содержание понятия общение (Verkehr) в работе К.Маркса и Ф.Энгельса " Немецкая идеология"". - Философско-методологические проблемы теории общения. Сборник научных трудов. Кафедра диалектического материализма Киргизского государственного университета. - Фрунзе., 1980)
Die Produktion bestimmt den Verkehr: Doch ohne den Verkehr gibt es keine Produktion und der Verkehr wirkt auf die Produktion zurück. Das Verhältnis von Produktionsweise und Verkehrsformen ist widersprüchlich. ( Siehe: Шелике В.Ф. К. Маркс и Ф.Энгельс о взаимодействии производства и общения в историческом процессе. Сборник научных трудов. Методологические проблемы материалистического понимания истории в трудах К.Маркса и Ф.Энгельса. Фрунзе. 1986. С.31-49) Die Produktion ist zweigeteilt, in eine materielle und eine geistige Produktion, ebenso ist der Ver-kehr zweigeteilt in einen materiellen und einen geistigen Verkehr.
Ihrerseits baut sich die Gesellschaft, als eine bestimmte Art des Zusammenwirkens der Menschen, auf den Produktions- und Verkehrsverhältnissen auf. Diese wiederum bringen entsprechende Ge-meinschaften der Produktion und des Verkehrs, hervor. Die treten uns und der Geschichte als wider-sprüchlich getrennt oder zusammengeschmolzen gegenüber. Die Gesellschaft ihrerseits besteht aus der bürgerlichen Gesellschaft und dem Staat. Auch hier gab und gibt es im Laufe der Geschichte eine Menge von Widersprüchen und Bestrebungen ihrer prakti-schen Lösung. Marx und Engels dringen bei ihrer Forschung weiter zum Wesen sozialer Revolutionen, indem sie in dieser Kategorienreihe die allgemeinen Quellen sozialer Revolutionen aufdecken. Das sind: a. die Widersprüche zwischen den Produktivkräften und der Art und Weise der Produktion; b. die Widersprüche zwischen den Produktivkräften und der Form des Verkehrs; c. die Widersprüche zwischen den Produktivkräften und der Gesellschaft (u.a. auch die Wider-sprüche zwischen der bürgerlichen Gesellschaft und dem Staat).
Die Lösung dieser Widersprüche war und ist eine Aufgabe vergangener, gegenwärtiger und zukünf-tiger sozialer Revolutionen Während der gesamten Vorgeschichte der Menschheit, d.h. bis zum Übergang zum Kommunismus entwickelt sich die Produktion durch die anwachsende Teilung der Arbeit. Dies führt zur Verschär-fung des entfremdeten Charakters der Arbeit als menschliche Tätigkeit. Der Mensch entfremdete sich auch von den Produkten und den Resultaten seiner Tätigkeit und von den Verhältnissen, die ihn dabei umgeben und begleiten. Die Arbeit, die Produkte der Arbeit, die Produktionsverhältnisse stehen über dem Menschen als eine fremde, "verkehrte" Macht. Der Verkehr entwickelte sich durch seine Erweiterung und wurde über den Weltmarkt globalisiert. Das Mittel des Marktverkehrs, das Geld, gewann den Charakter eines weltweiten Äquivalents menschlicher Werte, was die Menschen von ihren eigentlichen, menschlichen Bedürfnissen weiter entfremdet.
Die Gesellschaftsstruktur entblösste immer stärker ihre klassenmässige Grundlage, die sich auf der Herrschaft des Privateigentums gründet, d. h. auf der Ausbeutung des Menschen durch den Men-schen. Damit werden die menschlichen Verhältnisse entmenschlicht. Diese Verhältnisse werden mit Hilfe einer entsprechenden Politik des Staates, vermittels einer ent-sprechenden Moral, mit den gültigen Rechtsnormen usw. verankert und gefestigt.
Marx kam zu dem Schluss, dass im Kommunismus die Arbeit, das Geld, das Privateigentum, die Klassen und der Staates beseitigt werden. Karl Marx. Friedrich Engels .Werke. Dietz Verlag. Berlin. 1958. B.3. S70), Diese Aussage erscheint heute vielen als reinste Utopie. Versuchen wir doch einmal unvoreingenommen die heutige Wirklichkeit zu betrachten. Entdecken wir da nicht eine Menge von Leuten, die schon längst und dauerhaft aus der Arbeitssphäre verdrängt wurden, und nur noch von staatlicher Unterstützung leben? Wir wollen hier nicht darüber reden, wie sie sich diese Menschen dabei fühlen. Die jüngsten Krawal-le in Frankreich haben das demonstriert! Aber hat Marx nicht recht, wenn er über das allmähliche Herausdrängen der Menschen aus der lebendigen Arbeit und über die Notwendigkeit, dieses Problem zu lösen, spricht?
Gibt es nicht unter unseren Mitbürgern auch Menschen, die nicht wegen der Bezahlung einer Tätig-keit nachgehen, sondern von ganz anderen Motiven geleitet werden? Auch sie brauchen natürlich Geld. Doch ist das für sie nicht mehr das Lebensziel und nicht mehr der Massstab aller Werte.
Und das Privateigentum? Ist es tatsächlich heilig und unantastbar? Ist es wirklich der Ausgangspunkt allen Glücks? Nur sehr wenige haben es je besessen oder besitzen es. Die Mehrheit wird nie in diese Lage kom-men. Deshalb berührt die Abschaffung des Privateigentums an Produktionsmitteln eigentlich nur wenige. Das Gros der Menschen benötigt es nicht, um sich und seine Kinder zu ernähren, zu woh-nen, sich fortzupflanzen usw. Mit einfachen Worten: Hätte der Mensch nicht viel weniger Sorgen, wenn er des ständigen Kampfes für den Erhalt und die Mehrung des Privateigentums entledigt wäre? Zumindest müsste er nicht mehr für dessen Verteilung kämpfenund toeten, leiden und sterben. Zweifelsohne ist dieses Privateigentum heute einerseits ein gewaltiger Stimulus für eine effektive Produktion. Viele Privateigentümer müssen sich andererseits sofort aus dem Geschäft zurückziehen, sobald dieses nicht mehr genügend Gewinn abwirft. Dabei spielt es keine Rolle, ob ihnen ihre Tätig-keit Freude macht, sie interessiert, ihnen Vergnügen bereitet. Unwichtig ist auch, ob ihre Arbeit für die Gesellschaft wichtig und nützlich ist. All das zählt kaum. Eine scheinbar unsichtbare Knute zwingt unerbittlich zum Profitmachen. Auch der Privateigentümer ist mit entfremdeter Arbeit be-schäftigt. In diesem Sinn zahlen auch die Reichen die Zeche des Kapitalismus.
Nun zu den Klassen. Die Klassenstruktur im heutigen Russland ist sehr spezifisch und spielt eine sonderbare Rolle. Man kann als superreicher Oligarch leicht im Gefängnis landen. Aus einem hohen Staatsbeamten wird schnell ein erzwungener Flüchtling in ein fernem Land. Vom einfachen Laborleiter kann man fast über Nacht zum Chef eines grossen Unternehmens aufsteigen. Dann hat man unter Umständen die Aussicht, mit Glück einen Mordanschlag zu überleben oder abgesetzt zu werden, weil irgendwo eine Anlage in die Luft geflogen ist oder ein Konflikt mit dem Staatschef nicht gelöst werden konnte. Ehemalige Arbeiter eines bankrotten Betriebes sind nunmehr obdachlos, oder schlagen sich als Kleinhändler oder vielleicht als Taxifahrer durchs Leben. Manch einer schaffte es, eine Autowerk-statt aufzubauen und beschäftigt selbst Arbeitskräfte. Doch diese sozialen Nischen sichern nicht vie-len eine dauerhafte Existenz. Der kleine Händler kehrt vielleicht in den wiedereröffneten Betrieb zurück. Ein Jeansverkäufer steigt über Nacht zum Oligarchen auf und plagt sich nun mit dem Problem herum, was er sich noch zule-gen könnte. Eine Jacht hat er schon, auch Schlösser gehören ihm bereits. Soll man einen Fussball-club kaufen? Jetzt hat er sich auch noch die Funktion eines Gouverneurs aufgebürdet! Aus Verantwortungsgefühl oder aus Langeweile? Kurzum: Das Individuum ist heute aussergewöhnlich beweglich, worauf übrigens Marx und Engels bereits in der "Deutschen Ideologie" aufmerksam machten. Der Mensch klettert auf der sozialen Leiter nach oben, stürzt ab, entwickelt dabei zwar artistische Fähigkeiten, kann aber nicht mit Bestimmtheit sagen, wo er landen und was ihn dabei erwarten wird. Die klassenmässige Aufteilung der Gesellschaft ist heute recht diffus, obwohl man den krassen Un-terschied zwischen Arm und Reich auf empirischem Niveau sehr wohl erkennt.
Kommen wir nun zum Staat. Wer liebt und achtet ihn heute noch, angesichts der oft korrumpierten und unfähigen Bürokratie? Es ist der Staat, repräsentiert durch seine politischen Funktionäre, der, ob nun im Irak oder in Tschetschenien, Kriege beginnt.Dabei wird der Bürger nicht gefragt. Weder die Jungen, die im Kugelhagel ihr Leben hergeben müssen noch deren Mütter und Väter haben bei solch wichtigen Entscheidungen ein wirkliches Mitspracherecht. Doch sind wir heute noch nicht in der Lage, ohne Staat zu leben. Würden wir uns das wohl wün-schen? Die ganze Kompliziertheit der heutigen Weltlage besteht darin, dass wir uns an einem Scheideweg befinden. Wir sind bereits Zeugen einer Umkehr der Menschen zu neuen, menschlicheren Verhält-nissen, wenngleich wir in einer Zeit leben, in der die unmenschliche noch dominieren.
Unsere Aufgabe besteht darin, diese menschlichen Verhältnisse in unserer verkehrten Welt zu erken-nen und entsprechend unseren Möglichkeiten zu befördern. Marx und Engels können und konnten uns keine Lösungen für unsere heutigen Probleme als Nachlass hinterlassen. Aber die Methodologie des komplexen Herangehens an die unaufschiebbaren globalen Probleme der Menschheit haben sie uns in die Hand gegeben. Damit haben wir die Möglichkeit, die in der Welt vor sich gehenden Pro-zesse zu analysieren, die Welt in ihrer Ganzheitlichkeit und Vielfältigkeit zu erfassen. Wir sind da-mit in der Lage, den Reichtum der menschlichen Verhältnisse zur Welt und der Welt zum Menschen zu erkennen und auf Grund dieser Erkenntnisse zu handeln. Das ist das Erbe, welches uns die beiden grossen Denker hinterliessen.
Schlussgedanken
In ihrer praktischen revolutionären Tätigkeit stützten sich Marx und Engels auf ihre materialistische Geschichtstheorie, die sie aus den konkreten historischen Bedingungen des 19. Jahrhunderts ableite-ten. Sie wurden nicht müde zu betonen, dass ihre Schlussfolgerungen über die Art und Weise einer revo-lutionären Umgestaltung der menschlichen Verhältnisse zur Welt auf der Analyse der Gesamtheit der Widersprüche ihrer Zeit begründet war.
Es wäre deshalb unsinnig, die Ganzheitlichkeit der materialistischen Geschichtstheorie anhand dieses oder jenes Zitats, dieser oder jener Textstelle, die zur praktischen Tätigkeit gehören und die von den Verhältnissen des 19. Jahrhunderts bestimmt waren, beweisen oder negieren zu wollen. Viele Aussa-gen waren nur zeitlich bedingt und begrenzt. Sie ergaben sich ausschliesslich aus den besonderen Bedingungen der Welt des 19. Jahrhunderts. Das betrifft z.B. die konkreten historischen Einschätzungen über das Verhältnis von Krieg und Revo-lution, oder die Rolle der Gewalt in der Geschichte. Es lohnt in diesem Kontext, sich daran zu erin-nern, dass die damaligen Kriege nicht selten in einer Generalschlacht entschieden wurden und man dieses Massenschlachten, das auf einem begrenzen Territorium ausgetragen wurde, von einem Hügel aus überschauen konnte Die Kriege des 19. Jahrhunderts waren noch keine Weltkriege, auch wenn sie schon begannen, sich nach und nach über die Kontinente auszubreiten. Auch Revolutionen begannen damals noch in einer Stadt und die Bürgerkriege waren örtlich be-grenzt, erfassten nicht die gesamte Bevölkerung. Vor 150 Jahren gab es noch keine Kernkraftwerke, keine Gas- und Ölleitungen, deren Zerstörung zu ökologischen Weltkatastrophen führen kann. Das Wichtigste: Es gab keine Massenvernichtungswaffen, die heute immer weiter modernisiert wer-den und die Fähigkeit haben, alles Leben auf der Erde mehrfach auszulöschen. Es gab im 19. Jahrhundert eben noch nicht die globalen Probleme der Neuzeit. Doch Marx und En-gels hatten deren Kommen vorausgesehen.
1844-46 gelang es ihnen, eine ganzheitliche Theorie der allgemeinen historischen Gesetzmässigkei-ten zu entwickeln. Sie gaben ihren Erben ein Instrumentarium zum Erkennen der historischen Bewe-gungen in die Hand, welches die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des praktischen Entwick-lungsprozesses der Menschheit erfasst. Was wir heute und morgen daraus machen, ist einzig und al-lein unsere Sache. Die materialistische Geschichtstheorie ist die Philosophie der Geschichte. Obwohl Marx gegen eine solche Bezeichnung wahrscheinlich heftige Einwände erhoben hätte, weil er von der Philosophie ei-gentlich nicht sonderlich viel hielt.