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Waltraut Schälike: »Ich wollte keine Deutsche sein«. Berlin-Wedding — Hotel »Lux« – Dietz Verlag. Herausgegeben von Frank Preiß. Aus dem Russischen übersetzt von Karl Harms, Frank Preiß und Ruth Stoljarowa, Karl Dietz Verlag Berlin 2006, 344 S. (24,90 Û) Das Mädchen, das keine Deutsche sein wollte, wurde am 20. Januar 1927 in Berlin geboren. Mit ihren Eltern Luise und Fritz Schälike siedelte sie im März 1931 in die UdSSR über und entschloß sich, dem Motto, das dem Buch den Titel gab, folgend, schließlich für ein Leben in der Sowjetunion. Das war 1940, sie war 13 Jahre jung. Es gelang ihr, das Familienarchiv – Tagebücher der Eltern und Fotografien – über all die Jahre hinweg zu bewahren. Nur die Papiere, die dem Vater 1938 gestohlen wurden, konnte sie nicht verwenden. Erst später wurde ihr klar, »an welch seidenem Faden « ihre Existenz tatsächlich gehangen hatte (S. 19). Nach ihrer Pensionierung im Februar 1994 begann sie, ihre Erinnerungen niederzuschreiben. So konnte der Herausgeber, der 2005 davon erfuhr, auf fertige Ausarbeitungen der pensionierten Historikerin zurückgreifen. Für diesen Band wählte er ihre Notizen über für die Familie wichtige Ereignisse aus, die sich zwischen 1927 und 1946 zugetragen haben. Waltraut Schälike hat Auszüge aus Tagebüchern und Briefen der Eltern in ihren Text Bücher.
1143 einfließen lassen. Ihre Kommentare betreffen anfangs auch Eindrücke und Ereignisse, die sie nur vom Hörensagen kannte und die zu Hause kein Gesprächsstoff waren, wie z. B. die Hungersnot in der Ukraine. Sie erwähnt den Überfluß in den Moskauer »Wunderläden« in der Nähe des »Lux« und in den Torgsinläden, in denen Valuta und Gold in Zahlung genommen wurde. Was die Eltern hier einkauften, geht aus den Aufzeichnungen nicht hervor. Die Schilderungen des Lebens und der Atmosphäre in Moskau spiegeln Stolz und Enttäuschung, Prinzipienfestigkeit und Ernüchterung wider. Mit der Mutter reiste sie 1933 nach Berlin und 1934 nach Wien, warum, hat ihr auch später niemand gesagt. An das Verbot, ihren Freunden und Klassenkameraden von den Auslandsreisen zu erzählen, hat sie sich immer gehalten. Als sie an ihren Erinnerungen arbeitete, hatte sie entweder nicht die Zeit oder keine Kraft mehr gehabt, im Archiv der Komintern nachzuforschen. Kurz geht sie auf die Zeit an der deutschen Schule und die Jahre der »großen Veränderungen « 1937/38 ein. »Und überhaupt waren die Sorgen der Erwachsenen jetzt nicht meine Probleme. Ich war noch ein Kind, ein kleines zehnjähriges Mädchen und nur durch Zufall in das Jahr 1937 geraten«, lautet ihr Resümee. Viele Namen und Vorgänge werden wohl nur deshalb erwähnt, weil sie zum Milieu gehören, in dem sie sich bewegte. Zu Vieles — das trifft auf das gesamte Buchmanuskript zu — bleibt leider unausgesprochen. In den Beschreibungen des Lebens und der Atmosphäre im »Lux« überwiegt zunächst die Eintracht, die in dieser kommunistischen Kommunalka herrschte. Dann folgen Erlebnisse, in deren Mittelpunkt die Angst der Angehörigen verhafteter Kommunisten steht. »Meine Eltern«, schreibt sie, »konnten und wollten nicht an die fürchterliche Wahrheit der Entartung der Ideen der Errichtung ›einer lichten Zukunft der ganzen Menschheit‹ glauben, eines Weges, der in Wirklichkeit in einen feudal gefärbten Kasernensozialismus mündete.« (S. 71) Wer blind blieb, hatte es leichter, meint Waltraut Schälike, die hier und an anderen Stellen der Erinnerungen in der Perestroikazeit verbreitete Argumentationsmuster aufgreift. Wer die Verhaftungslisten der Bewohner des »Lux« kennt, weiß daß die Nachbarn der Schälikes, ein Lette und ein Türke, vom NKWD verhaftet worden sind. Auffällig ist, daß aus dieser Zeit keine Aufzeichnungen der Eltern herangezogen werden. Hat es keine gegeben, was hat Waltraut Schälike ausgewählt oder verworfen? Auf diese und daraus ableitbare Fragen gibt weder sie noch der Herausgeber eine Antwort. Die Lücken sind auch in Anbetracht der publizierten Aufzeichnungen von und über ihre Spielgefährten und Klassenkameraden gravierend. Mittlerweile gibt es auch Bücher über die an der Karl-Liebknecht-Schule beschäftigten Lehrer sowie eine überschaubare Literatur über die Kampfgefährten der Eltern. Die Autorin hatte die Zeit und die Chance gehabt, darauf zurückzugreifen und den Faden gewissermaßen aufzunehmen und weiterzuspinnen. Das hat sie jedoch nicht getan. Ihr Vater verlor wegen »mangelnder Wachsamkeit « seine Arbeit, die Mutter wurde entlassen. Mit Gelegenheitsarbeiten versuchten sie, sich und die drei Kinder über Wasser zu halten. Das Leben war nunmehr voller Entbehrungen, doch das — schätzt die Tochter rückblickend ein — waren die Eltern ja aus Deutschland gewohnt. Irgendwie kam alles immer wieder ins Lot. Der invalidisierte Vater half im Haushalt, die Mutter war den ganzen Tag über auf Arbeit. In die Ausführungen über die Kriegsjahre sind Überlegungen zur »nationalen Frage« eingeflochten. Diktion und Argumentationsmuster, die die Autorin übernimmt, gehen auf Veröffentlichungen der Rehabilitierungskommission zurück, die während Jelzins Amtszeit erschienen. Ein durchgängiges Motiv ist das vom Genozid (S. 116) am eigenen Volk. Als die Kinder der Kominternmitarbeiter aus Moskau in ein Erholungsheim im Gebiet Gorki evakuiert wurden, begleitete Waltraut ihre Brüder Wolfgang und Rolf. In dieser Gegend blieb sie bis März 1943, während die Eltern Moskau im Oktober 1941 in Richtung Ufa verlassen mußten. Hier — allein auf sich gestellt — wurde sie erwachsen und erkannte, wie sehr sich das Leben in Moskau von dem in der Provinz unterschied, wie es um ihre »sterile Umgebung« beschaffen war (S. 166). Die ganze Zeit über gingen Briefe zwischen der Tochter und den Eltern hin und her. Waltraut
1144 Bücher. Zeitschriften war für die Brüder verantwortlich, die in einem 7 Kilometer entfernten Heim untergebracht waren. An einem Septembertag des Jahres 1942 bekam sie überraschend Besuch von ihrer Mutter. Luise Schälike teilte ihrer Tochter mit, daß Kinder »deutscher Politemigranten, die das 16. Lebensjahr überschritten hatten, in einem geheimen Lehrgang zusammengefasst« (S. 231) werden sollten und fragte, ob sie sich melden wolle oder nicht. Doch Waltraut zog es vor, zu Ende zu lernen. Ihr Lebensweg nahm einen anderen Verlauf, als der anderer Kinder deutscher Politemigranten. Einige Jungs, mit denen sie die Schule besuchte, wurden 1943 einberufen oder meldeten sich freiwillig an die Front. Der Schrecken des Krieges war allgegenwärtig, schreibt Waltraut Schälike. »Wir verrohten (...). Es gab so viel Sterben um uns.« (S. 257) 1943, an das genaue Datum kann sie sich nicht mehr erinnern, konnten die Kinder nach Moskau in das »Lux« zurück. Wieder war sie es, die sich um die kleinen fünf- und sechsjährigen Brüder kümmern mußte, denn die Eltern arbeiteten in verschiedenen Schichten. Nach der Schule entschied sie sich für ein Studium an der Historischen Fakultät der Moskauer Universität. Als ihr Vater im Mai 1945 im Parteiauftrag nach Deutschland fuhr, um die Leitung des Dietz-Verlages zu übernehmen und ihre Mutter — nach langen Auseinandersetzungen mit ihren Vorgesetzten — im Juni Moskau in Richtung Berlin verlassen konnte, trug sich Waltraut zunächst mit dem Gedanken, nach Abschluß ihres Studiums den Eltern zu folgen. Doch es kam anders. Sie zog mit ihrem Mann nach Kirgisien. Immer wieder erwähnt sie Disziplinierungen und Konflikte mit Parteifunktionären sowie staatlichen Stellen, ohne weiter auf den Inhalt einzugehen. Offensichtlich gehörten solche »Kollisionen«, die auch das Leben der Brüder in der DDR prägten, für sie zur Normalität. Einen Urlaub im Ausland genehmigt zu bekommen, war schon schwer genug. Eine Ausreise samt Familie in die DDR schied für das Ehepaar wohl sogar als Denkmöglichkeit aus. »Das Leben war kein Zuckerschlecken«, schreibt Waltraut Schälike, und »Wir hatten aber eine Arbeit, die wir in Moskau mit unserer ›Biographie‹ niemals erhalten hätten.« (S. 337) Von diesem Zeitpunkt an nahmen »unterschiedliche Schicksale« und »unterschiedliche Lebensläufe« ihren Lauf, faßt sie den wohl spannendsten, die meisten Fragen aufwerfenden Abschnitt ihrer Schilderung zusammen.
LADISLAW EDELER