Wie entstehen neue, menschliche Verhältnisse?
Шелике Вальтраут Фрицевна. Материал взят из резервной копии сайта wtschaelike.ru. Дата последнего изменения 27.11.2007.
Dr. Waltraut Schälike
Wesentliche Seiten menschlicher Tätigkeiten
Marx und Engels definierten die Verhältnisse der Menschen zur Natur als „Bearbeitung der Natur durch Menschen“ und die andere Seite der menschlichen Verhältnisse zur Welt als „die Bearbeitung der Menschen durch Menschen". (1)
Die Bearbeitung der Natur durch die Menschen und die Bearbeitung der Menschen durch Menschen stellen die abstrakteste und allgemeinste Beschreibung zweier Seiten der menschlichen Tätigkeiten im Geschichtsprozess dar. Vermittels dieser Art Einwirkung auf die Welt verändern die Menschen die Natur und die Menschen (andere und sich selbst). Die Menschen verändern dementsprechend auch ihre Verhältnisse zur Natur und zu den Menschen. Die menschlichen Verhältnisse zur Welt verändern sich unablässig im ständigen Prozess der „Bearbeitung“ der Natur und der Menschen.
Die menschliche Bearbeitung der Natur und die Bearbeitung der Menschen durch Menschen erfolgt jeweils in der Einheit und der Gegensätzlichkeit dreifacher allgemeiner Arten menschlicher Tätigkeiten, wobei jede von den dreien selbst zweiseitig ist. Das sind:
a) die Einheit und Widersprüchlichkeit des Verhaltens des Menschen zum Gegenstand und umgekehrt, des gegenständlichen Verhaltens des Gegenstandes zum Menschen. (2) Mit anderen Worten sind das Tätigkeiten der Menschen, die auf die natürlichen und gesellschaftlichen Gegenstände der Welt gerichtet sind und die Tätigkeiten der Menschen, die von den Wirkungen der natürlichen und gesellschaftlichen Gegenstände der Welt auf die Menschen hervorgerufen und ausgelöst werden;
b) die Einheit und Widersprüchlichkeit der Aneignung (3) der natürlichen und gesellschaftlichen Gegenstände der Welt durch den Menschen und der Äußerung (4) des Verhältnisses der Menschen zu den Gegenständen der Welt;
c) Die Einheit und Widersprüchlichkeit der Tätigkeiten der Menschen, die auf die natürlichen und gesellschaftlichen Gegenstände der Welt gerichtet sind und der Betätigung dieser Gegenstände an den Tätigkeiten der Menschen. (5)
Vermittels dieser Dreieinigkeit zeigt Marx, auf dem abstraktesten, allgemeinsten Niveau das umgestaltende Wesen der menschlichen Tätigkeiten, des menschlichen Verhaltens zur Welt. Bei der Verwirklichung dieser drei skizzierten Seiten menschlicher Tätigkeiten, die alle auch einen Doppelcharakter besitzen, entsteht auf jeder Seite und zwischen ihnen immer eine „Lücke“, eine bestimmte „Kluft“ zwischen Tätigkeit und Ergebnissen der Tätigkeiten. Dieser Widerspruch zwingt den Menschen in seiner praktischen Tätigkeit immer wieder, eine neue „Spirale“ dieser Tätigkeiten zu beginnen, um die bestehenden Widersprüche zu überwinden.(6)
Im Rahmen dieses Artikels habe ich lediglich die Möglichkeit, an das Vorhandensein dieser Gedanken im Fundus der materialistischen Geschichtstheorie zu erinnern. Das sind Ideen von außergewöhnlicher philosophischer Tiefe, die auf dem abstraktesten Niveau nicht nur die Möglichkeit der Entfremdung des Menschen von seiner eigenen Tätigkeit aufzeigen. Auch die Entfremdung des Menschen gegenüber der Natur und der Gesellschaft im Verlauf der Vorgeschichte der Menschheit, die nach Marx die Epochen Barbarei und Zivilisation einschließt, wird offengelegt. Es wird aufgezeigt, wie sich der ganzheitliche Mensch in einen „Teilmenschen“ verwandelt, wie sich die schöpferische Tätigkeit in eine zerstörerische ändert, wie sich die menschlichen Verhältnisse zur Welt in unmenschliche verkehren und eine „verkehrte Welt“ entsteht.(7) Das Aufheben dieser Entfremdungen und dieser Widersprüche geschieht durch den Übergang der Menschheit zum Kommunismus. Die menschlichen Verhältnisse zur Welt drücken, in abstraktester Form, die allgemeinen Gesetzmäßigkeiten aller menschlichen Verhaltungsweisen aus.
Die Wirklichkeit
Diese allgemeinen Gesetzmäßigkeiten erklären jedoch nicht die Besonderheiten ihrer Erscheinungen in der historischen Wirklichkeit. Deshalb ist es erforderlich, von den allgemeinen Definitionen der menschlichen Verhältnisse zur Welt zu den allgemeinen Begriffsbestimmungen hinsichtlich der historischen Wirklichkeit zu kommen. Dies haben Karl Marx und Friedrich Engels beim Übergang zu einer neuen Kategorienreihe vollzogen.
An den Anfang der neuen Kategorienreihe stellen Marx und Engels wieder Voraussetzungen, die als die einfachsten Verhältnisse dargestellt werden können. Also jene, die augenscheinlich vor uns liegen, und „von denen man sich nur in der Einbildung abstrahieren kann".(8)
Hier gibt es drei Voraussetzungen:
a) „die wirklichen Individuen“;
b) die „Aktion“ der Individuen;
c) die „materiellen Lebensbedingungen“ der Individuen, „sowohl die vorgefundenen, wie die durch ihre eigene Aktion erzeugten“.(9)
Jede Seite dieser „Ausgangszelle“ der marxistischen Geschichtstheorie wird zunächst für sich betrachtet und definiert. Dann wird ihr Zusammenwirken untersucht und es werden die ihnen eigenen Widersprüche aufgedeckt. Diese Kategorienreihe nimmt die Gesamtheit der o.g. Ausgangsdefinitionen der menschlichen Verhältnisse zur Welt in sich auf.
Denn die Individuen sind natürliche und gesellschaftliche Wesen. Ihre Handlungsaktionen sind auf die Natur und die Gesellschaft (mit der entsprechenden Rückwirkung) gerichtet. Die materiellen Lebensbedingungen sind ebenfalls von der Natur und von der Gesellschaft vorgegeben (mit der Rückwirkung auf die Individuen) und werden von ihnen verändert.
Ich verweise auf den Dualismus der Ausgangsdefinition der Individuen als „wirkliche Individuen“. (10)
Ihre Aktionen, ihre Tätigkeit treten uns als Wirken gegenüber.(11) Wer Marx im deutschen Original liest, der erkennt sofort, dass mit dem Wirken die Einheit von Schaffen und Schein gemeint ist. Das deutsche Wort „wirken“ bedeutet sowohl arbeiten als auch schöpfen; aber auch den Anschein haben.
Die Individuen zeigen sich uns einerseits durch ihre schöpferische, schaffende Seite. Andererseits zeigen sie sich so, wie sie sich selbst sehen oder von anderen gesehen werden.
Somit sind ihre Taten gleichzeitig Schöpfertum und Schein („Theater“), gewissermaßen „gespaltene Handlungen“.
So ist bereits in der Ausgangsdefinition der Individuen, wenngleich versteckt und schemenhaft, sichtbar, dass dem Menschen von Anfang an sowohl Ideelles als auch Materielles eigen ist. So hat auch die Tätigkeit der Menschen im Geschichtsprozess sowohl materielle als auch ideelle Seiten, wie auch ihr Leben selbst. Die Lebensverhältnisse existieren als materielle Verhältnisse. Diese findet der Mensch vor und sie existieren unabhängig vom Bewusstsein. Sie werden im Prozess der Tätigkeit des Bewusstseins der Individuen zu Begriffen, zu ideellen Verhältnissen umgestaltet. Die Wirklichkeit erscheint somit in der Einheit und Widersprüchlichkeit des Wirklichen und des Scheinbaren, wobei das Scheinbare mit der Wirklichkeit verflochten ist.(12)
Die genannten drei Grundvoraussetzungen der historischen Wirklichkeit sind wie grundlegende ganzheitliche „Zellen“"oder „Keime“ der sich aus ihnen entwickelnden Wirklichkeit und der Definition der Begriffe der Erkennungstheorie dieser Wirklichkeit.
Mit anderen Worten: Diese dreiseitige „Zelle" enthält in sich gewissermaßen den genetischen Code, der in jedem wichtigem Begriff enthalten ist und bleibt. Bei der Begriffsdefinition wird das in ihm angelegte Programm umgesetzt. Somit wird auf dem jeweiligen Analyseniveau die dazugehörige spezifische Definition ganzheitlich erarbeitet.
Produktivkräfte, Kommunistische Revolution und soziale Tätigkeit
Auf der Grundlage der Dreieinigkeit des Ausgangsverhältnisses der Wirklichkeit erarbeiteten Marx und Engels z.B. die Ausgangsdefinition der Produktivkräfte.(13)
Die Produktivkräfte erscheinen:
a. als Kräfte wirklicher Individuen (als natürliche und gesellschaftliche);
b. als Kräfte ihrer auf die Natur und die Gesellschaft gerichteten Tätigkeiten und als Kräfte deren Rückwirkungen;
c. als Kräfte, die in den vergangenen und gegenwärtigen materiellen Lebensbedingungen (der Natur und der Gesellschaft) akkumuliert waren und werden.
Gleichzeitig verwandeln sich die Produktivkräfte unter bestimmten Bedingungen in Destruktivkräfte (14):
a. für die wirklichen Individuen;
b. für deren Tätigkeit;
c. für die natürlichen und gesellschaftlichen materiellen Lebensbedingungen der Individuen.
Die Verwandlung der Produktivkräfte in Destruktivkräfte stellt eine Quelle der Entfremdung des menschlichen Lebens dar.
Auf diesem neuen Niveau der Verallgemeinerung erklärten Marx und Engels die kommunistische Revolution als eine wirkliche Revolution, in deren Verlauf:
a. sich die wirklichen Individuen verändern (15) ;
b. die Individuen den Charakter ihrer Tätigkeit verändern (16) ;
c. sie ihre materiellen Lebensverhältnisse verändern (17) ;
Darüber hinaus definierten Marx und Engels in der Arbeit „Die deutsche Ideologie" den allgemeinen Inhalt sozialer Tätigkeit der Menschen. Diese Definitionen sind eine Art „Entschlüsselung“, Konkretisierung dessen, was Marx und Engels anfänglich unter den Aktionen und generell unter Tätigkeit verstanden.
Die soziale Tätigkeit existiert bereits seit den Anfängen der Geschichte bis zum heutigen Tag.
Sie zeigt sich als dreiseitiges Verhältnis, wobei jede Seite wiederum zweiseitig ist. Das Gemeinsame aller drei Seiten der sozialen Tätigkeit besteht darin, dass jede Tätigkeit der drei Seiten der Befriedigung der menschlichen Lebensbedürfnisse dient. Diese Befriedigung wird von den Menschen durch drei Aktionen verwirklicht:
a. durch das Erzeugen von Lebensmitteln;
b. durch das Erzeugen von Instrumenten für die Befriedigung der Lebensbedürfnisse und damit einhergehend das Erzeugen neuer Bedürfnisse;
c. durch das Erzeugen von Menschen und das Erzeugen sozialer Verhältnisse zwischen den Menschen.(18)
All das geschieht, ich wiederhole es ausdrücklich, im Interesse der Befriedigung der individuellen, sowohl natürlichen als auch gesellschaftlichen, Lebensbedürfnisse der Menschen.
Auf dieser Linie verläuft wiederum ein Unterschied zwischen Mensch und Tier. Beide befriedigen ihre Lebensbedürfnisse; sie nehmen Nahrung zu sich, trinken und pflanzen sich fort. Doch im Unterschied zum Tier erzeugt der Mensch seine Mittel zum Leben selbst und findet diese nicht nur in der Natur vor. Der Mensch schafft sich seine Werkzeuge und entnimmt diese nicht einfach der Natur. Der Mensch gestaltet seine sozialen Beziehungen und erfasst diese auf abstraktem, theoretischem Niveau, wozu ein Tier nicht in der Lage ist. Der Mensch verändert diese Beziehungen zielgerichtet, was das Tier nicht kann.
Die Ausgangsdefinitionen der sozialen Tätigkeit basieren auf realen Voraussetzungen, die ihrerseits die Ausgangsdefinitionen des menschlichen
Verhältnisses zur Welt beinhalten. Demensprechend sind alle drei Seiten der sozialen Tätigkeit widersprüchlich, denn:
a. die Menschen erzeugen nicht nur materielle und geistige Mittel zum Leben, sondern schaffen selbst auch Mittel zum Sterben;
b. die von den Menschen erzeugten neue Bedürfnisse und die Instrumente zu ihrer Befriedigung können sowohl menschlich als auch entmenschlicht sein;
c. die Menschen zeugen nicht nur, sondern töten auch Menschen, ihre sozialen Verhältnisse verwandeln sich dabei in asoziale.
Auf dieser Ebene der Analyse bestimmen Marx und Engels den allgemeinen Inhalt sozialer Revolutionen. Soziale Revolutionen erwachsen aus der Vielfalt der konkret-historischen Widersprüche der gesamten sozialen Tätigkeiten der Menschen und sind dazu berufen, die Gesamtheit der sozialen Probleme der Menschheit zu lösen.
Alle dem Kommunismus vorangegangenen sozialen Revolutionen waren jedoch nur Teilrevolutionen, da sie gleichzeitig mit der Vernichtung einer Form der Entmenschlichung des Lebens der Menschen und dem Aufbau neuer menschlicher Verhältnisse immer wieder auch neue entmenschlichte Lebensverhältnisse schufen. Die Menschheit hat noch nie ihr wirklich soziales Leben gelebt!
Im Unterschied zu den sozialen Revolutionen der Vergangenheit ist die kommunistische Revolution umfassend, ganzheitlich. Sie verwirklicht den Übergang der Menschheit zu einem wirklich sozialen Leben. Die kommunistische Revolution kann nicht in einem einmaligen revolutionären Akt erfolgen und nicht in den Grenzen nur eines Landes siegreich sein. Sie ist eine Weltbewegung. Die kommunistische Revolution umfasst eine ganze Epoche, die inhaltlich unterschiedliche Revolutionen beinhaltet. In ihrem vielschichtigen Verlauf lösen die Menschen die globalen Probleme ihrer entmenschten sozialen Verhältnisse und die Entmenschlichung des Lebens wird weltweit beseitigt. (19)
Produktion, Verkehr und Gesellschaft
Die ursprünglichen und grundlegenden Seiten menschlicher sozialer Tätigkeit erhalten schließlich eine neue, weitaus konkretere Definition mittels der Kategorientriade: Produktion, Verkehr, Gesellschaft. Diese Begriffsreihe vereint den gesamten Reichtum vorhergehender Definitionen menschlicher Verhältnisse zur Welt und dringt in die Tiefe des Wesens dieser ein.
Ursprünglich wird die Produktion als die Produktion des Lebens der Menschen bezeichnet, die sich über drei allgemeine Seiten entfaltet: a. als die Produktion der Menschen (in ihren natürlichen und gesellschaftlichen Eigenschaften und ihrem Wesen); b. als die Produktion von Lebensmitteln (in ihrer natürlichen und gesellschaftlichen Bestimmtheit); c. als die Produktion materieller Lebensbedingungen (sowohl natürlicher als auch gesellschaftlicher). (20)
Im Unterschied zu der alles umfassenden sozialen Tätigkeit erfasst die Ausgangsdefinition der Produktion nur die Erzeugungstätigkeit, das schaffende Wesen der sozialen Tätigkeit der Menschen. Dabei wird die Aktion der Bedürfnisbefriedigung, die sowohl Menschen als auch Tier kennzeichnet, zunächst nicht mit erfasst. Der Verkehr wird ursächlich als Bewegung der Produktion zwischen den Menschen, als ihre Zirkulation, ihr „Vertrieb“, ihre Umverteilung, ihr Austausch verstanden. Auch der Austausch von Gefühlen im menschlichen Akt der Fortpflanzung und der Raub von Gütern während eines Krieges werden hiermit erfasst. Im Verkehr können zum Beispiel folgende Elemente auftreten:
a. die Menschen, welche miteinander verkehren; b. die Lebensmittel, darunter auch die Verkehrsmittel, vermittels derer die Ergebnisse der Produktion zirkulieren, verteilt, getauscht, geraubt, verschenkt usw. werden c. die materiellen Lebensbedingungen, die die Menschen einander geben oder wegnehmen. (21)
Die Produktion bestimmt den Verkehr: Doch ohne den Verkehr gibt es keine Produktion und der Verkehr wirkt auf die Produktion zurück. Das Verhältnis von Produktionsweise und Verkehrsformen ist widersprüchlich. (22) Die Produktion ist zweigeteilt, in eine materielle und eine geistige Produktion; ebenso ist der Verkehr zweigeteilt in einen materiellen und einen geistigen Verkehr.
Ihrerseits baut sich die Gesellschaft, als eine bestimmte Art des Zusammenwirkens der Menschen, auf den Produktions- und Verkehrsverhältnissen auf. Diese wiederum bringen entsprechende Gemeinschaften der Produktion und des Verkehrs hervor. Die treten uns und der Geschichte als widersprüchlich getrennt oder zusammengeschmolzen gegenüber. Die Gesellschaft ihrerseits besteht aus der bürgerlichen Gesellschaft und dem Staat. Auch hier gab und gibt es im Laufe der Geschichte eine Menge von Widersprüchen und Bestrebungen ihrer praktischen Lösung.
Marx und Engels dringen bei ihrer Forschung weiter zum Wesen sozialer Revolutionen vor, indem sie in dieser Kategorienreihe die allgemeinen Quellen sozialer Revolutionen aufdecken. Das sind:
a. die Widersprüche zwischen den Produktivkräften und der Art und Weise der Produktion;
b. die Widersprüche zwischen den Produktivkräften und der Form des Verkehrs;
c. die Widersprüche zwischen den Produktivkräften und der Gesellschaft (u.a. auch die Widersprüche zwischen der bürgerlichen Gesellschaft und dem Staat).
Die Lösung dieser Widersprüche war und ist eine Aufgabe vergangener, gegenwärtiger und zukünftiger sozialer Revolutionen
Während der gesamten Vorgeschichte der Menschheit, d.h. bis zum Übergang zum Kommunismus entwickelt sich die Produktion durch die anwachsende Teilung der Arbeit. Dies führt zur Verschärfung des entfremdeten Charakters der Arbeit als menschliche Tätigkeit. Der Mensch entfremdete sich auch von den Produkten und den Resultaten seiner Tätigkeit und von den Verhältnissen, die ihn dabei umgeben und begleiten.
Die Arbeit, die Produkte der Arbeit, die Produktionsverhältnisse stehen über dem Menschen als eine fremde, „verkehrte“ Macht.
Der Verkehr entwickelte sich durch seine Erweiterung und wurde über den Weltmarkt globalisiert. Das Mittel des Marktverkehrs, das Geld, gewann den Charakter eines weltweiten Äquivalents menschlicher Werte, was die Menschen von ihren eigentlichen, menschlichen Bedürfnissen weiter entfremdet.
Die Gesellschaftsstruktur entblößte immer stärker ihre klassenmäßige Grundlage, die sich auf der Herrschaft des Privateigentums gründet, d. h. auf der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen. Damit werden die menschlichen Verhältnisse entmenschlicht.
Diese Verhältnisse werden mit Hilfe einer entsprechenden Politik des Staates, vermittels einer entsprechenden Moral, mit den gültigen Rechtsnormen usw. verankert und gefestigt.
Marx kam zu dem Schluss, dass im Kommunismus die Arbeit, das Geld, das Privateigentum, die Klassen und der Staates beseitigt werden.(23) Diese Aussage erscheint heute vielen als reinste Utopie.
Versuchen wir doch einmal unvoreingenommen, die heutige Wirklichkeit zu betrachten. Entdecken wir da nicht eine Menge von Leuten, die schon längst und dauerhaft aus der Arbeitssphäre verdrängt wurden, und nur noch von staatlicher Unterstützung leben?
Wir wollen hier nicht darüber reden, wie sich diese Menschen dabei fühlen. Die jüngsten Krawalle in Frankreich haben das demonstriert! Aber hat Marx nicht recht, wenn er über das allmähliche Herausdrängen der Menschen aus der lebendigen Arbeit und über die Notwendigkeit, dieses Problem zu lösen, spricht?
Gibt es nicht unter unseren Mitbürgern auch Menschen, die nicht wegen der Bezahlung einer Tätigkeit nachgehen, sondern von ganz anderen Motiven geleitet werden? Auch sie brauchen natürlich Geld. Doch ist das für sie nicht mehr das Lebensziel und nicht mehr der Maßstab aller Werte.
Und das Privateigentum? Ist es tatsächlich heilig und unantastbar? Ist es wirklich der Ausgangspunkt allen Glücks?
Nur sehr wenige haben es je besessen oder besitzen es. Die Mehrheit wird nie in diese Lage kommen. Deshalb berührt die Abschaffung des Privateigentums an Produktionsmitteln eigentlich nur wenige.
Das Gros der Menschen benötigt es nicht, um sich und die Kinder zu ernähren, zu wohnen, sich fortzupflanzen usw.
Mit einfachen Worten: Hätte der Mensch nicht viel weniger Sorgen, wenn er des ständigen Kampfes für den Erhalt und die Mehrung des Privateigentums entledigt wäre? Zumindest müsste er nicht mehr für dessen Verteilung kämpfen und töten, leiden und sterben.
Zweifelsohne ist dieses Privateigentum heute einerseits ein gewaltiger Stimulus für eine effektive Produktion. Viele Privateigentümer müssen sich andererseits sofort aus dem Geschäft zurückziehen, sobald dieses nicht mehr genügend Gewinn abwirft. Dabei spielt es keine Rolle, ob ihnen ihre Tätigkeit Freude macht, sie interessiert, ihnen Vergnügen bereitet. Unwichtig ist auch, ob ihre Arbeit für die Gesellschaft wichtig und nützlich ist. All das zählt kaum. Eine scheinbar unsichtbare Knute zwingt unerbittlich zum Profitmachen. Auch der Privateigentümer ist mit entfremdeter Arbeit beschäftigt. In diesem Sinn zahlen auch die Reichen die Zeche des Kapitalismus.
Nun zu den Klassen. Die Klassenstruktur im heutigen Russland ist sehr spezifisch und spielt eine sonderbare Rolle.
Man kann als superreicher Oligarch leicht im Gefängnis landen. Aus einem hohen Staatsbeamten wird schnell ein erzwungener Flüchtling in einem fernen Land. Vom einfachen Laborleiter kann man fast über Nacht zum Chef eines großen Unternehmens aufsteigen. Dann hat man unter Umständen die Aussicht, mit Glück einen Mordanschlag zu überleben oder abgesetzt zu werden, weil irgendwo eine Anlage in die Luft geflogen ist oder ein Konflikt mit dem Staatschef nicht gelöst werden konnte.
Ehemalige Arbeiter eines bankrotten Betriebes sind nunmehr obdachlos, oder schlagen sich als Kleinhändler oder vielleicht als Taxifahrer durchs Leben. Manch einer schaffte es, eine Autowerkstatt aufzubauen und beschäftigt selbst Arbeitskräfte. Doch diese sozialen Nischen sichern nicht vielen eine dauerhafte Existenz.
Der kleine Händler kehrt vielleicht in den wiedereröffneten Betrieb zurück. Ein Jeansverkäufer steigt über Nacht zum Oligarchen auf und plagt sich nun mit dem Problem herum, was er sich noch zulegen könnte. Eine Jacht hat er schon, auch Schlösser gehören ihm bereits. Soll man einen Fußballclub kaufen? Jetzt hat er sich auch noch die Funktion eines Gouverneurs aufgebürdet! Aus Verantwortungsgefühl oder aus Langeweile?
Kurzum: Das Individuum ist heute außergewöhnlich beweglich, worauf übrigens Marx und Engels bereits in der „Deutschen Ideologie“ aufmerksam machten.
Der Mensch klettert auf der sozialen Leiter nach oben, stürzt ab, entwickelt dabei zwar artistische Fähigkeiten, kann aber nicht mit Bestimmtheit sagen, wo er landen und was ihn dabei erwarten wird.
Die klassenmäßige Aufteilung der Gesellschaft ist heute recht diffus, obwohl man den krassen Unterschied zwischen Arm und Reich auf empirischem Niveau sehr wohl erkennt.
Kommen wir nun zum Staat. Wer liebt und achtet ihn heute noch, angesichts der oft korrumpierten und unfähigen Bürokratie? Es ist der Staat, repräsentiert durch seine politischen Funktionäre, der, ob nun im Irak oder in Tschetschenien, Kriege beginnt.
Dabei wird der Bürger nicht gefragt. Weder die Jungen, die im Kugelhagel ihr Leben hergeben müssen, noch deren Mütter und Väter haben bei solch wichtigen Entscheidungen ein wirkliches Mitspracherecht.
Wir sind heute jedoch noch nicht in der Lage, ohne Staat zu leben. Würden wir uns das wohl wünschen?
Die ganze Kompliziertheit der heutigen Weltlage besteht darin, dass wir uns an einem Scheideweg befinden. Wir sind bereits Zeugen einer Umkehr der Menschen zu neuen, menschlicheren Verhältnissen, wenngleich wir in einer Zeit leben, in der die unmenschlichen noch dominieren.
Unsere Aufgabe besteht darin, diese menschlichen Verhältnisse in unserer verkehrten Welt zu erkennen und entsprechend unseren Möglichkeiten zu
befördern. Marx und Engels können und konnten uns keine Lösungen für unsere heutigen Probleme als Nachlass hinterlassen. Aber die Methodologie des komplexen Herangehens an die unaufschiebbaren globalen Probleme der Menschheit haben sie uns in die Hand gegeben. Damit haben wir die Möglichkeit, die in der Welt vor sich gehenden Prozesse zu analysieren, die Welt in ihrer Ganzheitlichkeit und Vielfältigkeit zu erfassen. Wir sind damit in der Lage, den Reichtum der menschlichen Verhältnisse zur Welt und der Welt zum Menschen zu erkennen und auf Grund dieser Erkenntnisse zu handeln. Das ist das Erbe, welches uns die beiden großen Denker hinterließen.
K.Marx, F.Engels. Werke: Dietz Verlag. Berlin 1958. Bd.3. S.36.
siehe: K.Marx, F.Engels: „Kleine ökonomische Schriften“. Sammelband. Bücherei des Marxismus-Leninismus. Dietz Verlag. Berlin 1955. Bd.42. S.131,133.
siehe: Ibidem. S.131.
siehe: Ibidem. S.166.
siehe: Ibidem. S.131.
Siehe: Schälike, W.F.: „Čto takoje ljubov“. Varjag. Moskva 1997. S.123-141.
Siehe: Schälike, W.F.: „Ischodnye osnovanija materialističeskogo ponimanija istorii“. Ilim. Frunse 1991. S.5-64.
K.Marx, F.Engels: Werke. Dietz Verlag. Berlin 1958. Bd.3. S.20.
Ibidem.
Ibidem.
hierzu: K.Marx, F.Engels: Werke. Dietz Verlag. Berlin 1958. Bd.3. S.24.
Ausführlicher: Schälike, W.F.: „Ischodnye posylki materialističeskogo ponimanija istorii v rabote Marksa i Engelsa ‚Nemeckaja ideologija‘“. Filosofskije nauki (naučnye doklady). Moskva 1981. Nr.3. S. 46-56.
Siehe: Schälike, W.F.: „Opredelenije K.Marksom i F.Engelsom proizvoditelnych sil v rabote ‚Nemeckaja ideologija‘ “. Sbornik naučnych trudov „K. Marks i F.Engels o voprosach socialnoj dialektiki.“ Frunse 1983. S. 31-39.
K.Marx, F.Engels: Werke. Dietz Verlag. Berlin 1958. Bd.3. S.69.
K.Marx, F.Engels: Werke. Dietz Verlag. Berlin 1958. Bd.3. S.70.
Ibidem. S.69.
Ibidem. S.70.
K.Marx, F.Engels: Werke. Dietz Verlag. Berlin 1958. Bd.3. S.28-29.
Siehe: Schälike, W.F.: „K.Marks i F.Engels ob istočnikach sozialnoj revolucii (po rabotam 1844-1846)“. „Problemy teorii revolucii i istorii revolucionnoj mysli.“ Učenye zapiski Tartuskogo gos. universiteta. Trudy po filosofii. Tartu 1986. S.9-19.
Siehe: Schälike, W.F.: „Nekotorye aspekty marksistskoj metodologii opredelenija filosofskoj kategorii ‘proisvodstvo’, ‘obščestvennoe proisvodstvo’ socialnaja priroda i suščnost ...”. Institut filisofii AN SSSR. Moskva 1982.
Siehe: Schälike, W.F.:„Objem i soderžanije ponjatija obščenije (Verkehr) v rabote K.Marksa i F.Engelsa ‚Nemeckaja ideologija‘ “. Filosofsko-metodologičeskie problemy teorii obščenija. Sbornik naučnych trudov. Kafedra dialektičeskogo matarializma Kirgizkogo gosudarstvennogo universiteta. Frunse 1980.
Siehe: Schälike, W.F.: „K.Marks i F.Engels o vzaimodejstvii proizvodsvo i obščenija v istoričeskom processe.” Sbornik naučnych trudov. Metodologičeskie problemy materialističeskogo ponimanija istorii v trudach K.Marksa i F.Engelsa. Frunse 1968. S. 31-49.
K.Marx, F.Engels: Werke. Dietz Verlag. Berlin 1958. Bd.3. S.70.